Do., 05.03.2026 , 18:18 Uhr

Zwischen Hoffnung und Risiko

Leipziger Exil-Iranerin und Nahostexperte über den Iran-Konflikt

„Ich habe Freunde, die vom islamischen Regime eingesperrt und getötet wurden.“ Mit diesen Worten beschreibt die in Leipzig lebende Iranerin Dr. Farnoosh Shamsian die Realität vieler Menschen in ihrer Heimat. Die Forscherin arbeitet an der Universität Leipzig und verfolgt die aktuellen Entwicklungen im Iran aus der Ferne. Während sie in Sachsen lebt und arbeitet, sind ihre Familie und viele Freunde weiterhin im Iran. Der militärische Konflikt im Nahen Osten trifft sie deshalb persönlich.

Militärschläge und neue Eskalation

Die Lage in der Region hat sich zuletzt deutlich zugespitzt. Die USA und Israel griffen den Iran militärisch an, dabei wurde auch der iranische Führer Ali Chamenei getötet. Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen – unter anderem auf Israel sowie auf US-Militärstützpunkte rund um den Persischen Golf.

Für viele Exil-Iraner ist die Situation widersprüchlich. Hoffnung auf politische Veränderungen trifft auf große Sorge um Angehörige im Land.

„Es ist eine komplexe Situation. Es gibt viel Hoffnung, dass wir mit dieser militärischen Intervention das Regime stürzen können“, sagt Shamsian. Gleichzeitig sei die Angst groß, weil Familie und Freunde weiterhin im Iran leben.

Hinzu kommt, dass das iranische Regime kurz nach Beginn der Angriffe das Internet abgeschaltet habe. „Seitdem ist es sehr schwer zu wissen, wie es allen geht“, erklärt sie.

Hoffnung und Freude im Iran

Trotz der schwierigen Lage berichtet Shamsian auch von Momenten der Hoffnung. Ihre Schwester habe ihr erzählt, dass nach der Nachricht vom Tod Chameneis Menschen auf den Straßen gefeiert hätten.

„Sie haben getanzt und Süßigkeiten verteilt. Das ist in unserer Kultur ein Zeichen von Freude.“

Auch in Leipzig war diese Hoffnung spürbar. Auf dem Augustusplatz fand eine Demonstration der iranischen Community statt, die sich nach der Nachricht vom Tod Chameneis spontan in eine Feier verwandelte.

„Andere Menschen kamen dazu, um diesen Moment mit uns zu teilen“, sagt Shamsian. Die Unterstützung aus ihrem Umfeld in Leipzig sei in dieser Zeit besonders wichtig. Viele ihrer Kollegen – auch aus Israel und den USA – hätten ihr Solidarität gezeigt.

Umstrittene Bilder aus dem Iran

In sozialen Netzwerken kursieren derzeit zahlreiche Videos von Angriffen auf zivile Einrichtungen im Iran, etwa Schulen. Diese Bilder sorgen international für Diskussionen.

Shamsian weist darauf hin, dass das iranische Regime zivile Gebäude häufig militärisch nutze.

„Das Regime nutzt Schulen als Militärbasen. Sie machen das auch mit Moscheen und Krankenhäusern. Es gibt Hinweise, dass sogar Krankenwagen zum Transport militärischer Kräfte eingesetzt werden.“

Gleichzeitig betont sie, dass viele der Videos aus den sozialen Medien schwer zu überprüfen seien, da sie selbst nicht vor Ort ist.

Leipziger Experte ordnet Konflikt ein

Auch Wissenschaftler in Leipzig verfolgen die Situation aufmerksam. Dr. Gilad Ben-Nun, Professor an der Universität Leipzig, sieht den Konflikt zwar als ernst, aber regional begrenzt.

„Ich denke nicht, dass wir näher an einem dritten Weltkrieg sind. Dieser Konflikt bleibt regional“, sagt er.

Dennoch könnten wirtschaftliche Folgen weltweit spürbar werden, etwa durch steigende Ölpreise.

Gleichzeitig warnt Ben-Nun vor der Idee eines von außen erzwungenen Regimewechsels.

„Diese Idee von Regime Change von außen ist sehr gefährlich. Wir haben das zum Beispiel in Libyen gesehen.“

Hoffnung auf Veränderung

Trotz aller Unsicherheiten bleibt für Farnoosh Shamsian die Hoffnung auf eine politische Zukunft ohne das derzeitige Regime.

„Wenn dieses Regime fällt, wird es eine Übergangszeit geben und ein Referendum. Die Menschen im Iran werden selbst entscheiden, welche Form von Regierung sie wollen.“

In Leipzig lebt sie zwischen zwei Welten: zwischen ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin – und der Hoffnung, dass ihre Heimat eines Tages frei sein wird.