Wasser gibt es in Leipzig auf den ersten Blick reichlich. Die Weiße Elster, die Pleiße, zahlreiche Seen und der Leipziger Auwald prägen das Stadtbild. Doch wie steht es um das Wasser, das sich unter der Erdoberfläche befindet? Denn während die Flüsse weiterhin durch Leipzig fließen, zeigen Messungen an verschiedenen Standorten sinkende Grundwasserstände. Welche Ursachen dahinterstecken und welche Folgen das für Leipzig haben könnte, erklärt der Hydrogeologe Prof. Dr. Jan Fleckenstein vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).
Die Situation betrifft nicht nur Leipzig. Daten des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) zeigen, dass im Oktober 2026 ein Großteil der ausgewerteten Grundwassermessstellen in Sachsen im Niedrigwasserbereich liegt.
Die Entwicklung zeichnet sich bereits seit mehreren Jahren ab. Zwar gab es zwischenzeitlich Phasen, in denen sich die Situation verbesserte, doch insgesamt bleibt der Anteil der Messstellen mit niedrigen Grundwasserständen hoch.
Auch die zweite Grafik des Landesamtes verdeutlicht die Entwicklung: Die mittleren Grundwasserstände lagen 2026 über weite Teile des betrachteten Zeitraums unter dem langjährigen Monatsmittel. Besonders im Spätsommer waren deutliche Abweichungen erkennbar.
Für Leipzig beschreibt Prof. Dr. Jan Fleckenstein eine ähnliche Entwicklung. Auch im Stadtgebiet seien an einigen Messstellen sinkende Grundwasserstände festzustellen.
Eine wesentliche Ursache liegt in der Veränderung der Niederschlagsverhältnisse. Längere Trockenperioden und hohe Temperaturen beeinflussen, wie viel Wasser tatsächlich im Grundwasser ankommt.
Dabei kommt es nicht ausschließlich auf die Niederschlagsmenge an, sondern auch auf den Zeitpunkt und die Verteilung des Regens.
Die Grundwasserneubildung findet nach Angaben von Fleckenstein vor allem in den Herbst- und Wintermonaten statt. In dieser Zeit verbraucht die Vegetation weniger Wasser, sodass ein größerer Teil der Niederschläge in tiefere Bodenschichten gelangen kann.
Im Sommer ist die Situation anders. Hohe Temperaturen sorgen für eine stärkere Verdunstung. Gleichzeitig benötigen Pflanzen mehr Wasser.
Selbst intensive Regenfälle führen deshalb nicht zwangsläufig zu einer Erholung der Grundwasserstände. Bei sehr trockenen Böden kann es vorkommen, dass zunächst die oberen Bodenschichten mit Wasser versorgt werden, während tiefere Schichten kaum erreicht werden.
Ein kräftiger Regenschauer bedeutet somit nicht automatisch, dass sich auch die Grundwasservorräte wieder auffüllen.
Besonders interessant ist die Entwicklung für den Leipziger Auwald. Das Ökosystem ist eng mit den umliegenden Flüssen und dem Grundwasser verbunden.
Am Elsterflutbett erklärt Fleckenstein, dass zwischen Oberflächengewässern und Grundwasser ein ständiger Austausch stattfinden kann. Je nach Wasserstand und den örtlichen Bedingungen kann Wasser aus einem Fluss ins Grundwasser gelangen oder umgekehrt Grundwasser in den Fluss strömen.
Führen Flüsse und Bäche nur wenig Wasser, kann unter entsprechenden Bedingungen zusätzlich Grundwasser aus der umliegenden Aue in die Gewässer abfließen. Dadurch können die Grundwasserstände in der Auenlandschaft weiter sinken.
Für die Vegetation könnte das langfristig problematisch werden. Steht weniger Wasser zur Verfügung, geraten Pflanzen unter Stress. Nach Einschätzung des Wissenschaftlers könnten dadurch auch bestimmte Artengemeinschaften gefährdet werden.
Wie stark einzelne Bereiche des Leipziger Auwalds betroffen sind, hängt allerdings von den jeweiligen örtlichen Wasserverhältnissen ab.
Doch welche Möglichkeiten gibt es, einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken?
Eine wichtige Maßnahme sieht Fleckenstein darin, Wasser nach starken Niederschlägen möglichst lange in der Landschaft zurückzuhalten.
Statt größere Wassermengen nach Regen oder Hochwasser schnell abzuleiten, könnten geeignete Flächen dazu genutzt werden, Wasser zeitweise zu speichern.
Gerade in Auenlandschaften kann es sinnvoll sein, Flüssen wieder mehr Raum für natürliche Überflutungen zu geben. Das Wasser kann sich dadurch in der Landschaft verteilen und unter geeigneten Bedingungen zur Grundwasserneubildung beitragen.
Wie sich die Grundwasserstände in Leipzig künftig entwickeln, hängt nach Einschätzung des Wissenschaftlers wesentlich von den klimatischen Bedingungen ab. Bleiben längere Trockenperioden bestehen, müsse auch künftig immer wieder mit niedrigen Grundwasserständen gerechnet werden.
Neben großflächigen Maßnahmen spielt auch der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser eine Rolle.
Fleckenstein weist darauf hin, dass rund 60 Prozent der Trinkwasserversorgung in Deutschland aus Grundwasser stammen. Umso wichtiger sei es, diese Ressource vor Verunreinigungen zu schützen.
Chemikalien und andere Schadstoffe sollten daher nicht unkontrolliert in die Umwelt gelangen.
Die langfristige Entwicklung der Grundwassermengen lasse sich allerdings nicht allein durch individuelles Wassersparen beeinflussen. Hier spielen größere klimatische und landschaftliche Zusammenhänge eine entscheidende Rolle.
Für Leipzig bedeutet das: Die Grundwassersituation bleibt ein wichtiges Thema für die Stadtentwicklung und den Naturschutz. Denn auch wenn sich Veränderungen unter der Erdoberfläche kaum unmittelbar beobachten lassen, können sie langfristig Auswirkungen auf die Landschaft und ihre Ökosysteme haben.
Im Videobeitrag spricht Reporter Theo Pirsig mit Prof. Dr. Jan Fleckenstein