Do., 02.04.2026 , 16:32 Uhr

Seit 1987 dokumentiert der Frankfurter Fotograf Peter Seidel jüdische Ritualbäder von der Antike bis hin zur Gegenwart.

Mehr als "Lost Places" – Verborgene Räume voller jüdischer Geschichte

Chemnitz- Verlassene Orte, dunkle Mauern. Was aussieht wie ein typischer „Lost Place“, ist in Wahrheit ein heiliger Raum – jahrhundertealt und tief verwurzelt in der jüdischen Geschichte. Seit 1987 dokumentiert der Frankfurter Fotograf Peter Seidel jüdische Ritualbäder von der Antike bis hin zur Gegenwart. Die sogenannten Mikwen dienen nicht der körperlichen, sondern der spirituellen Reinigung und sollen den direkten Zugang zu Gott ermöglichen. Die Faszination an der Architektur führte Peter Seidel von der Mikwe in Friedberg bis hin zum selbst ernannten Nahfeldarchäologen.

Seit über 30 Jahren reist Seidel durch Deutschland und Europa, steigt in Schächte hinab und sucht verborgene Räume. Was für viele wie ein vergessener Ort aussieht, ist für ihn ein Stück lebendige Geschichte und weit mehr als die Ästhetik des Verfalls.

In den dunklen, oft unterirdischen Anlagen wird das Licht zum entscheidenden Gestaltungsmittel. Gerade in den Anfangsjahren bedeutete das Schwerstarbeit: Autobatterien, Kabel, tonnenweise Technik – manchmal tagelange Vorbereitung für ein einziges Foto. Denn Seidels Prinzip ist klar: Er drückt nur einmal auf den Auslöser und dieses eine Bild muss sitzen.

Für Chemnitz bekommt die Ausstellung eine besondere Bedeutung. 2023 entdeckten Archäologen bauliche Spuren, die auf eine Mikwe hindeuten könnten. Voraussetzungen für dieses Ritualbad: der Anschluss an natürliches Grundwasser und die Möglichkeit des vollständigen Untertauchens. Doch der Fund stellt die Historiker vor viele Fragen. Gab es hier jüdisches Leben früher als bislang angenommen? Für Dr. Stefan Thiele, Leiter des Schloßbergmuseums, könnte sich dadurch der Blick auf die Stadtgeschichte grundlegend verändern.

Die Ausstellung „Ganz rein“ zeigt 17 großformatige Fotografien, präsentiert auf leuchtenden Filmflächen. Bilder, die wie Fenster in die Vergangenheit wirken und Besucherinnen und Besucher eintauchen lassen – in Räume, die lange im Verborgenen lagen.