Fr., 11.09.2026 , 17:57 Uhr

Leipzig

Merz fordert mehr Arbeit: Leipziger Kongress diskutiert Achtsamkeit

Mehr Leistung und mehr Achtsamkeit: In Leipzig wird diskutiert, wie beides im Bildungsalltag zusammenpassen kann.

Achtsamkeit trotz Leistungsdruck in Schulen

Mehr leisten und gleichzeitig stärker auf die eigene mentale Gesundheit achten: Auf den ersten Blick scheint das nicht unbedingt zusammenzupassen. Genau dieses Spannungsfeld beschäftigt derzeit auch die Bildungswelt.

Am 10. und 11. September findet auf dem Campus Jahnallee der Universität Leipzig die zweite bundesweite Konferenz und Fachtagung „Achtsamkeit in der Bildung“ statt. Wissenschaftler, Lehrkräfte, Hochschulvertreter und Verantwortliche aus der Bildungspolitik beschäftigen sich dabei mit der Frage, welche Rolle Achtsamkeit in Schulen und Hochschulen spielen kann. Das Programm umfasst Vorträge, Workshops, Panels und Gesprächsrunden.

Politische Debatte über Leistung

Die Diskussion findet gleichzeitig in einer Zeit statt, in der politisch wieder verstärkt über Arbeitszeit und Leistungsbereitschaft gesprochen wird.

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte im Januar beim Neujahrsempfang der IHK Halle-Dessau und der Handwerkskammer Halle, die Arbeitsleistung der deutschen Volkswirtschaft sei insgesamt nicht hoch genug. Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lasse sich der bestehende Wohlstand seiner Ansicht nach nicht erhalten. Seine Konsequenz: Es müsse mehr gearbeitet werden.

Merz betonte allerdings unmittelbar davor auch, dass Millionen Beschäftigte bereits viel arbeiteten und zahlreiche Überstunden machten.

Für die Diskussion in Leipzig stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wie viel Platz bleibt für Achtsamkeit, wenn gleichzeitig höhere Leistung gefordert wird?

Weniger Stress bei Lehrkräften

Susanne Krämer beschäftigt sich an der Universität Leipzig seit Jahren mit dem Thema. Sie leitet das Projekt „Achtsamkeit in der Bildung und Hoch-/schulkultur“, kurz ABiK.

Untersuchungen des Projekts zeigen nach Angaben der Universität konkrete Effekte. Krämer verweist unter anderem auf weniger Stress und geringere Burn-out-Symptome bei teilnehmenden Lehrkräften. Auch beim wahrgenommenen Schulklima seien Verbesserungen festgestellt worden.

„Wo wir ganz klare Ergebnisse haben, ist die Stressreduktion“, sagt Krämer. Auch Burn-out-Symptomatiken hätten sich verringert und das Schulklima verbessert.

Im Pilotprojekt wurden Lehrkräfte aus 30 sächsischen Schulen in achtsamkeitsbasierten Methoden geschult. Die wissenschaftliche Auswertung zeigte nach Angaben der Universität unter anderem weniger Stress- und Burn-out-Symptome sowie Verbesserungen bei Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation und zwischenmenschlichem Umgang.

Achtsamkeit hat Grenzen

Ein Allheilmittel ist Achtsamkeit deshalb dennoch nicht.

Krämer sieht die Programme vor allem als präventiven Ansatz. Bei einer bereits manifestierten psychischen Erkrankung seien andere Hilfen notwendig. Ebenso wenig lassen sich Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung oder organisatorische Probleme allein durch Meditation oder andere Achtsamkeitsübungen beseitigen.

Damit entsteht auch ein kritischer Punkt in der Debatte: Soll Achtsamkeit lediglich dafür sorgen, dass einzelne Menschen immer größere Belastungen länger aushalten?

Für Krämer wäre das zu kurz gedacht. Achtsamkeit solle nicht nur den Einzelnen verändern. Ein bewussterer Blick könne auch helfen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und zu erkennen, wo Veränderungen notwendig seien.

Genau dieser systemische Ansatz gehört auch ausdrücklich zu den Zielen der Leipziger Konferenz. Dort soll diskutiert werden, inwieweit achtsamkeitsbasierte Ansätze Veränderungen im Bildungssystem anstoßen können.

Sachsen will mentale Gesundheit stärken

Auch Sachsens Kultusminister Conrad Clemens sieht Handlungsbedarf. Im Gespräch verweist er auf zwei parallele Entwicklungen: nachlassende Leistungen von Schülern und eine hohe Belastung bei Lehrkräften.

Ein wichtiger Faktor sei aus seiner Sicht die mentale Gesundheit. Schule müsse nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung stärker berücksichtigen.

Nach Angaben von Clemens setzt Sachsen bereits auf entsprechende Projekte und will weitere Schulpsychologen einstellen. Darüber hinaus soll das bestehende Netzwerk rund um Achtsamkeit in der Bildung zu einem Institut weiterentwickelt werden. Die geplanten Kosten beziffert der Minister auf 300.000 Euro jährlich. Zunächst soll die AOK PLUS unterstützen, auch der Freistaat wolle sich beteiligen.

Leistung und Achtsamkeit kein Widerspruch?

Am Ende führt die Diskussion zurück zur Leistungsfrage.

Krämer hält es für falsch, Achtsamkeit und Leistungsbereitschaft grundsätzlich gegeneinanderzustellen. Menschen wollten ihrer Ansicht nach etwas schaffen und gestalten. Auch Schüler wollten Leistung erbringen.

Entscheidend sei vielmehr, wie diese Leistung zustande kommt. Dauerhafter Druck oder Angst seien keine Bedingungen, die Menschen langfristig gesund hielten.

Damit ist Achtsamkeit in diesem Verständnis kein Gegenmodell zu Leistung. Sie soll vielmehr helfen, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und langfristig handlungsfähig zu bleiben.

Die Leipziger Diskussion zeigt zugleich ihre Grenze: Wenn die Ursache von Überlastung in den Bedingungen selbst liegt, reicht es nicht, nur den Einzelnen widerstandsfähiger zu machen. Dann wird aus der Frage nach Achtsamkeit auch eine Frage danach, wie Schule und Hochschule organisiert sein sollen.