Di., 14.07.2026 , 17:50 Uhr

Wenn die Welt kleiner wird

Multiple Sklerose und Barrieren im Alltag

Für viele Menschen sind Treppen, Haltestellen oder fehlende Toiletten kaum der Rede wert. Für Menschen mit Multipler Sklerose können genau diese Dinge darüber entscheiden, ob ein Weg überhaupt möglich ist.

Der Leipziger Autor Jan Kuhlbrodt lebt mit MS und sitzt inzwischen im Rollstuhl. Hindernisse, die ihm früher kaum aufgefallen sind, bestimmen heute seinen Alltag. „Diese Treppe hier vorne vor 20 Jahren ist mir nicht aufgefallen, aber jetzt schon“, sagt er.

Auch Fahrten mit Bus und Bahn müssen genau geplant werden. Für eine Zugreise muss Kuhlbrodt einen Hublift zwei Tage vorher anmelden. Manche Straßenbahnhaltestellen sind für ihn nicht nutzbar. Selbst der Besuch am Grab seiner Mutter wird dadurch kompliziert: „Da komme ich mit dem Rollstuhl nicht raus. Da muss ich zwei Stationen vorher aussteigen.“

Wenn der Alltag ständig geplant werden muss

Marta Lipinski hat ebenfalls Multiple Sklerose. Sie sitzt nicht im Rollstuhl, doch auch für sie ist ein spontaner Spaziergang nicht selbstverständlich. Viele Menschen mit MS leiden unter Inkontinenz. Deshalb muss für Lipinski immer eine Toilette schnell erreichbar sein.

„Egal, wo man ist, es muss eine Toilette in der Nähe zu erreichen sein“, sagt sie. Das sei jedoch längst nicht überall der Fall.

Oft wirken die Hindernisse klein: eine Stufe, ein zugeparkter abgesenkter Bordstein oder eine fehlende öffentliche Toilette. Für Betroffene können sie trotzdem dazu führen, dass ein Weg abgebrochen oder gar nicht erst angetreten wird.

Weniger Zugang zu Kultur und Öffentlichkeit

Für Kuhlbrodt wirken sich die Barrieren auch auf seine Arbeit aus. Als Autor lebt er von Lesungen und Begegnungen mit dem Publikum. Doch viele Veranstaltungsorte sind nicht barrierefrei. Inzwischen schafft er nach eigener Aussage nur noch etwa eine Lesung pro Monat.

Er beschreibt das als „langsames Verschwinden aus der Öffentlichkeit“. Manche Räume könne er mit dem Rollstuhl gar nicht mehr betreten. Dann sei er auf die Hilfe anderer angewiesen und müsse teilweise mitsamt Rollstuhl getragen werden. Diese Situation empfindet er als unangenehm und entwürdigend.

Hilfe, die wirklich entlastet

Auch Unterstützung kann schwierig sein, wenn Betroffene selbst erklären und organisieren müssen, was sie brauchen. Lipinski wünscht sich deshalb konkrete Angebote statt allgemeiner Fragen.

Hilfreich sei etwa eine klare Ansage wie: Jemand kommt vorbei, kocht etwas, leistet Gesellschaft oder sorgt einfach dafür, dass sie sich ausruhen kann. So müsse sie nicht zusätzlich entscheiden, Aufgaben verteilen oder sich schuldig fühlen.

Jan Kuhlbrodt und Marta Lipinski zeigen zwei unterschiedliche Seiten von MS. Bei ihm sind es vor allem Treppen, Haltestellen und unzugängliche Kulturorte. Bei ihr geht es um Kraft, Toiletten, Planung und passende Unterstützung.

Barrierefreiheit bedeutet deshalb mehr als Rampen und Aufzüge. Sie beginnt auch dort, wo Menschen mitdenken, ohne zu bevormunden – und wo Krankheit nicht automatisch dazu führt, dass die eigene Welt immer kleiner wird.