Mo., 26.05.2025 , 16:55 Uhr

In Chemnitz wurde ein Dokumentationszentrum des NSU-Komplexes eröffnet in dem die Betroffenen und Ihre Perspektive in den Mittelpunkt gestellt werden

NSU-Terror: Opfer, Fragen - "offener Prozess" 

Chemnitz- Der NSU-Terror hat Deutschland erschüttert – und die Aufarbeitung ist längst nicht abgeschlossen. Noch immer kämpfen Angehörige der Opfer um Antworten, um Gerechtigkeit, um Gehör. In Chemnitz wurde jetzt mit dem „Offenen Prozess“ ein Dokumentationszentrum eröffnet, das genau das leisten soll: Es stellt nicht die Täter, sondern die Perspektiven der Betroffenen in den Mittelpunkt.

Im November 2011 endete mit dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine Mordserie, die Deutschland über mehr als zehn Jahre in Atem hielt. Die Selbstenttarnung der rechtsextremen Terrorzelle NSU beschäftigt bis heute Untersuchungsausschüsse. Trotz eines umfangreichen Strafprozesses sind viele Fragen nach wie vor offen – Fakten, die die Angehörigen der Opfer des rechten Terrors bis heute bewegen. Unter dem Titel „Offener Prozess“ wurde am Sonntag in Chemnitz ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex eröffnet. Es stellt die Betroffenen und ihre Perspektiven in den Mittelpunkt.

Zur Eröffnung der zunächst auf ein Jahr angelegten Schau war auch Serkan Yildirim vor Ort. Er war das erste bekannte Opfer des NSU-Trios. Seine Geschichte wurde jedoch erst im Jahr 2013 im Zuge des NSU-Prozesses öffentlich bekannt – der Zusammenhang zu den Rechtsterroristen war von den Ermittlern mehr als ein Jahrzehnt lang übersehen worden. Die Tat, die sein Leben veränderte, begann mit dem Fund einer Taschenlampe im eigenen Laden. Diese war eine Sprengfalle, platziert vom NSU. Yildirim wurde durch die Detonation zwar verletzt, überlebte das Attentat jedoch – im Gegensatz zu vielen späteren Opfern. Aus seiner Sicht hätte es an diesem Punkt die Chance gegeben, die Mordserie zu stoppen, bevor sie richtig begann.

Doch die Ermittlungsbehörden richteten ihren Fokus über lange Zeit auf die Opfer selbst – so auch im Fall von Lina und Mandy Boulgarides. Ihr Vater wurde 2005 mit drei Schüssen in seinem Geschäft hingerichtet. Für die Familie brach die Welt zusammen – auch, weil die Ermittler den Täter zunächst im familiären Umfeld vermuteten. So begann für die nächsten Angehörigen der Tag nach dem furchtbaren Mord nicht mit  Seelsorgerischer Betreuung, sondern mit einem Verhör. Das Dokumentationszentrum greift genau diese Aspekte auf und weist auch auf zahlreiche Ungereimtheiten im Fall hin. So will ein Geheimdienstmitarbeiter einen Mord nicht bemerkt haben – obwohl er sich zur Tatzeit am Tatort aufgehalten hatte. Von geschredderten Akten ganz zu schweigen. Ein wichtiger Prozess – auch für die Angehörigen der Mordopfer. Denn aus ihrer Sicht ist die rechtliche Aufarbeitung mit dem sogenannten NSU-Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Das neu geschaffene Dokumentationszentrum gilt als Pilotprojekt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen auch in den Aufbau weiterer Standorte einfließen. Die Finanzierung ist bis einschließlich 2025 gesichert. Land und Bund streben jedoch eine langfristige Sicherung des Standorts Chemnitz an.