Chemnitz- Erinnern, aufklären, Fragen stellen – das ist die Mission des Dokumentationszentrums „Offener Prozess“. Es widmet sich dem NSU-Komplex, der größten rechtsextremen Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte, und schafft einen Raum, in dem nicht nur an die Opfer erinnert, sondern auch über Strukturen und Versäumnisse diskutiert wird. Doch wie lange das möglich bleibt, steht in den Sternen.
Es war die größte rechtsextremistische Mordserie im Nachkriegsdeutschland. Der sogenannte NSU, eine rechtsextreme Terrorgruppe, ermordete neun Menschen aufgrund ihrer Herkunft. Die Ermittlungen zum Fall sind gespickt von Ungereimtheiten, sonderbaren Zufällen und falschen Ansätzen, die auch dazu führten, dass in den Leitmedien von „Dönermorden“ die Rede war. Die Erinnerung an den Fall verblasst jedoch zunehmend. Auch die Aufarbeitung möglicher Versäumnisse und Fehler der Behörden wird von den Angehörigen der Opfer kritisch betrachtet. Das Dokumentationszentrum "Offener Prozess" will diese Umstände in den Fokus rücken – und so auch die Erinnerung an die Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ wachhalten. Möglich gemacht haben das viele Helferinnen und Helfer, die unentgeltlich auf die Eröffnung der Schau hingearbeitet haben, sowie Fördergelder von Bund und Land.
Ob die offenen Fragen im Rahmen des Dokumentationszentrums über 2025 hinaus am Johannisplatz weiter diskutiert werden können, ist unklar. Denn die Finanzierung ist nur bis Ende dieses Jahres gesichert. Der Freistaat Sachsen will auch im kommenden Jahr Gelder beisteuern – der Bund hält sich allerdings bedeckt. Daran änderte auch eine Stippvisite von Dr. Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien, nichts: Der Politiker war zu Gast in der Kulturhauptstadt, ein Besuch des Dokumentationszentrums war Teil der Reise nach Chemnitz. Weimer zeigte sich begeistert von der Schau und wünschte den Macherinnen und Machern in den verbleibenden Wochen noch viele Gäste. Warme Worte für die Verantwortlichen des Dokumentationszentrums – was allerdings fehlte, war ein klares Statement zur Fortführung der Ausstellung. Die Hoffnung auf ein Signal dürfte groß gewesen sein. Im Interview mit Sachsen Fernsehen zeigte sich das Team trotz des Dämpfers diplomatisch.
Die Arbeit des Zentrums sei auch im schulischen Kontext wichtig. Gerade bei jüngeren Generationen ist die Mordserie weniger bekannt – das Thema ist aber unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen hoch relevant. Das zeigt sich auch an der großen Nachfrage von Schulen und Bildungsträgern, die rechte Gewalt thematisieren und das Dokumentationszentrum gezielt einbeziehen würden. Ob das Dokumentationszentrum Offener Prozess langfristig bestehen kann, bleibt offen. Klar ist jedoch: Sein Beitrag zur Erinnerungskultur ist unverzichtbar – nicht nur für die Stadt, sondern weit über Chemnitz hinaus. Die Entscheidung über die Finanzierung ist damit auch eine Entscheidung darüber, welchen Stellenwert Aufklärung, Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des NSU in unserer Gesellschaft haben sollen.