Der Rückzug Berlins aus dem deutschen Olympia-Bewerbungsprozess hat auch in Leipzig für Enttäuschung gesorgt. Für Karsten Günther vom Verein „Gold for Leipzig“ ist das Thema damit aber noch nicht abgeschlossen.
Im Gespräch mit SACHSEN FERNSEHEN spricht er über verpasste Chancen, den gesellschaftlichen Wert des Sports, die Entstehung des Vereins und mögliche Perspektiven für Leipzig und Markkleeberg.
Günther macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Entwicklung enttäuscht. Die Entscheidung habe sich zwar bereits zuvor abgezeichnet, dennoch hätte er sich mehr Dialog und eine längere gemeinsame Prüfung der Möglichkeiten gewünscht.
Für ihn ging es bei der Bewerbung nicht nur um ein internationales Sportereignis. Olympia hätte aus seiner Sicht auch als Zukunftsprojekt für Sport, Infrastruktur und die gesamte Region wirken können. Besonders für die ostdeutschen Bundesländer sieht Günther darin eine verpasste Chance.
Trotzdem will er nicht bei der Enttäuschung stehen bleiben.
„Hätte, hätte, Fahrradkette. Ist jetzt nicht. Das ist bitter“, sagt er im Gespräch. Entscheidend sei nun, mit der Situation umzugehen und nach vorne zu schauen.
Eine der zentralen Aussagen des Gesprächs betrifft die gesellschaftliche Rolle des Sports. Günther bezeichnet ihn als eines der letzten verbindenden Elemente, bei denen politische Haltung, Religion oder Herkunft in den Hintergrund treten können.
Im Stadion sei es im besten Fall egal, „wer welcher Partei, welcher Religion angehört“ oder welche Herkunft jemand habe. Genau diese verbindende Kraft sieht er zunehmend gefährdet, wenn auch der Sport stärker polarisiert werde. Transkript
Dabei sei gerade Teamwork ein zentraler Wert des Sports.
„Wir leben eigentlich vom Teamwork“, sagt Günther. Diesen Gedanken müsse man stärker auch in die Gesellschaft hineintragen. Olympische Spiele in der Region wären für ihn auch deshalb von besonderem Wert gewesen.
Die Idee für „Gold for Leipzig“ entstand nach Günthers Schilderung nicht in einem Sitzungssaal, sondern nach einem Besuch der Olympischen Spiele in Frankreich.
Beim Handballfinale in Lille habe er erlebt, wie stark die olympische Atmosphäre auch rund 200 Kilometer von Paris entfernt zu spüren gewesen sei. Menschen aus aller Welt seien zusammengekommen, die Begeisterung sei überall präsent gewesen.
Dieses Erlebnis habe die Frage ausgelöst, wie man einen solchen olympischen Geist auch nach Leipzig holen könne.
„Wenn die olympische Idee irgendwie in Deutschland wieder verfängt, dann sollten wir alles versuchen, mit Leipzig dabei zu sein“, beschreibt Günther den damaligen Gedanken. Transkript
Daraufhin habe sich eine Gruppe von Menschen zusammengefunden, die sich dem Sport in Leipzig verbunden fühlten. Aus dieser Initiative entwickelte sich später der Verein „Gold for Leipzig“.
Günther spricht dabei auch offen über die Grenzen einer Leipziger Bewerbung.
„Leipzig alleine, das wird nichts“, sagt er. Die Stadt sei für Olympische Spiele als alleiniger Austragungsort zu klein. Gleichzeitig sieht er Leipzig weiterhin als möglichen starken Partner innerhalb eines größeren Bewerbungskonzepts.
Die Rolle als „Juniorpartner“ sei aus seiner Sicht realistisch gewesen. In der Zusammenarbeit mit Berlin habe Leipzig deshalb gute Möglichkeiten gesehen. Transkript
Trotz des Rückschlags sei durch die Bewerbung bereits einiges entstanden. Kontakte hätten sich vertieft, Unternehmen und Sportler hätten Unterstützung signalisiert und auch die Zusammenarbeit mit Markkleeberg sei enger geworden.
Diese Strukturen sollen nach dem Willen des Vereins nicht einfach verschwinden.
Günther nutzt das Gespräch auch für einen kritischen Blick auf Leipzig selbst.
Die Stadt bezeichne sich als Sportstadt und mache in vielen Bereichen einiges richtig. Trotzdem sieht er weiteres Potenzial.
„Ich glaube, die Power, die der Sport hat, die bringen wir noch nicht ansatzweise zu 100 Prozent auf die Straße“, sagt er. Transkript
Gerade die zahlreichen Athleten in der Stadt hätten aus seiner Sicht mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient. „Gold for Leipzig“ wolle deshalb auch unabhängig von einer konkreten Olympia-Bewerbung weiter daran arbeiten, den Sport in Leipzig sichtbarer zu machen.
Ein wichtiger Punkt im Gespräch ist zudem die Entwicklung der Sportinfrastruktur.
Günther verweist darauf, dass während des Bewerbungsprozesses Fortschritte bei der geplanten Entwicklung des Areals am Sportforum erzielt worden seien. Auch ohne Olympia brauche Leipzig moderne Sportstätten und bessere Bedingungen für Vereine und Veranstaltungen.
Deshalb sieht er die bisherigen Bemühungen nicht als verloren an. Ein Teil der angestoßenen Entwicklungen könne der Stadt langfristig erhalten bleiben.
Komplett abgeschlossen ist das Olympia-Thema für Günther zudem noch nicht.
Er verweist auf mögliche Konstellationen, bei denen Leipzig oder Markkleeberg doch noch Teil eines größeren Bewerbungskonzepts werden könnten. Besonders der Kanupark in Markkleeberg spielt dabei eine Rolle.
Auch bestehende Infrastruktur wie Stadion, Messegelände und Sportstätten könnten aus seiner Sicht Argumente sein, Leipzig als zusätzlichen Standort einzubeziehen. Transkript
Günther formuliert deshalb deutlich:
„Für mich ist Olympia in Leipzig noch lange nicht vom Tisch.“
Unabhängig davon, wie die deutsche Bewerbung am Ende aussieht, soll der Verein bestehen bleiben.
Günther sagt klar, dass „Gold for Leipzig“ seine Arbeit nicht einstellen werde. Über die konkrete Ausrichtung wolle der Vorstand allerdings erst noch beraten.
Nach dem Rückschlag habe man sich zunächst gesammelt und überlegt, welche Möglichkeiten noch bestehen.
„Wir haben einen kleinen Schlag in die Magengrube bekommen. Wir haben uns schnell geschüttelt und gesagt: Was sind unsere Optionen?“
Für Günther liegt die nächste Chance darin, Leipzig innerhalb einer möglichen Bewerbung doch noch als Standort einzubinden. Und selbst wenn das nicht gelingt, bleibt für ihn der größere Gedanke bestehen: den Sport in Leipzig weiter zu stärken und Menschen über ihn zusammenzubringen.