Rassistische Äußerungen, Ausgrenzung oder rechtsextreme Vorfälle sind offenbar auch an Grundschulen ein Thema. Eine Befragung von Lehrkräften, Schulleitungen und Schulsozialarbeitern aus Leipzig und der Region zeigt, dass deutlich mehr menschenfeindliche Vorfälle wahrgenommen werden, als in offiziellen Meldungen sichtbar sind. Eine neue Bildungs- und Beratungsstelle soll deshalb Kinder und Lehrkräfte unterstützen.
Die Befragung beschäftigte sich mit der Wahrnehmung menschenfeindlicher Vorfälle und der Demokratiebildung an Grundschulen. Teilgenommen haben Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter aus Leipzig, dem Landkreis Leipzig und dem Landkreis Nordsachsen.
Der Befragungszeitraum lief von März bis Juni 2026. Insgesamt gab es 494 Zugriffe, 189 Fälle konnten für die Auswertung verwendet werden. Darin wurden 115 Beobachtungen von Fällen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit genannt.
Dem gegenüber stehen offizielle Meldungen an das Landesamt für Schule und Bildung Sachsen: Für das Jahr 2025 wurden aus der Stadt Leipzig und dem Landkreis Leipzig zwölf sogenannte „Besondere Vorkommnisse“ gemeldet.
Die beiden Zahlen lassen sich allerdings nicht direkt miteinander vergleichen. Die Befragung umfasst zusätzlich den Landkreis Nordsachsen und erfasst wahrgenommene Vorfälle. Für die Meldung eines „Besonderen Vorkommnisses“ gelten dagegen andere Voraussetzungen.
Warum die Befragung deutlich mehr Beobachtungen sichtbar macht, lässt sich aus der Erhebung selbst nicht abschließend ableiten.
Anna Schüller koordiniert das Projekt „Extremismusprävention und Demokratiestärkung an sächsischen Grundschulen“. Sie sieht eine mögliche Erklärung in den Meldestrukturen. Besondere Vorkommnisse müssten eine bestimmte Schwelle erreichen, bevor sie von der Schulleitung an das Landesamt für Schule und Bildung weitergemeldet werden.
Hinzu komme möglicherweise, dass nicht an jeder Schule eindeutig geregelt sei, wie mit entsprechenden Situationen umgegangen werden soll. Auch fehlendes Wissen darüber, welche Vorfälle relevant für eine Meldung sind, könne eine Rolle spielen.
Auf den bestehenden Bedarf reagiert das Erich-Zeigner-Haus mit Bildungs- und Beratungsangeboten für Grundschulen. Dazu gehören Workshops für Kinder sowie Fortbildungen und Beratungen für Lehrkräfte.
Die Workshops können direkt in den Unterricht eingebunden werden. Schulen können zudem ganze Teams fortbilden lassen und Unterstützung dabei erhalten, Präventions- und Interventionsmaßnahmen zu entwickeln.
Ein Schwerpunkt liegt auf konkreten Situationen aus dem Schulalltag. Lehrkräfte sollen wissen, wie sie auf menschenfeindliche oder rechtsextreme Vorfälle reagieren können. Kinder sollen gleichzeitig lernen, Erlebtes einzuordnen, zu benennen und sich Hilfe zu holen.
Schüller berichtet von einer hohen Nachfrage nach Workshops, Fortbildungen und konkreten Handlungsleitfäden.
Doch warum begegnen menschenfeindliche Aussagen überhaupt schon Grundschulkindern?
Pia-Mareike Heyne, Referatsleiterin für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt bei der Stadt Leipzig, warnt davor, die Entwicklung allein mit sozialen Netzwerken zu erklären. Aus ihrer Sicht spielt auch das gesellschaftliche Umfeld eine entscheidende Rolle.
Kinder würden Aussagen und Verhaltensweisen aus ihrer Umgebung übernehmen. Umso wichtiger sei es, ihnen früh zu vermitteln, wie sie Grenzen setzen, Probleme ansprechen und sich Unterstützung suchen können.
Die Stadt Leipzig will die Arbeit der Beratungsstelle deshalb eng begleiten. Geplant ist ein regelmäßiger Austausch, um aktuelle Problemlagen schneller erkennen und auf Entwicklungen reagieren zu können.
Das Angebot ist zunächst als Pilotprojekt angelegt. Die aktuelle Förderung der Bildungs- und Beratungsstelle läuft nach Angaben der Projektverantwortlichen bis Ende 2026. Parallel bemüht sich das Erich-Zeigner-Haus um weitere Fördermittel.
Denn die Befragung macht vor allem eines deutlich: Menschenfeindliche Vorfälle können bereits im Grundschulalter eine Rolle spielen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie viele davon offiziell gemeldet werden. Ebenso wichtig ist, ob Kinder und Lehrkräfte wissen, wie sie darauf reagieren können und wo sie Unterstützung bekommen.