Chemnitz- Ein oft übersehener Bereich der NS-Geschichte rückt im Rahmen einer Schau in Chemnitz in den Fokus: die Verstrickung des Gesundheitswesens in Ausgrenzung, Entrechtung und Verbrechen. Die Ausstellung „Systemerkrankung“ macht diese Zusammenhänge sichtbar – und zeigt, welche Fragen bis heute daraus erwachsen.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wirkte sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche aus – so auch auf das Gesundheitssystem. Eine bislang wenig bekannte Perspektive, die nun unter dem Titel „Systemerkrankung – Arzt und Patient im Nationalsozialismus“ beleuchtet wird. Die Schau ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zur Geschichte der Vorgängerorganisation der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Zur Eröffnung in Chemnitz war auch Renate Aris vor Ort. Die Holocaustüberlebende spricht bis heute als Zeitzeugin an Schulen und bei Veranstaltungen. Die Verbrechen der damaligen Akteure, auch außerhalb der Vernichtungslager, seien bislang zu wenig beleuchtet worden. Die Ausstellung nehme sich daher eines wichtigen Themas an – auch mit Blick auf den Freistaat. Denn auch in Sachsen mordeten die Nationalsozialisten mithilfe einer Gaskammer, die sich unweit der Landeshauptstadt Dresden befand.
Ebenfalls zur Eröffnung angereist war Albrecht Pallas, der Vizepräsident des Sächsischen Landtages. In seiner Rede betonte er, dass für die Verbrechen und Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht nur einzelne Täter verantwortlich gewesen seien, sondern ein ganzes System dahinterstand. Damit schließe sich der Kreis zum Titel der Schau.
Aus der Ausstellung und den gewonnenen Forschungserkenntnissen lassen sich laut Dr. med. Sylvia Krug auch Schlüsse für die Gegenwart ziehen. In ihrer Rede zur Eröffnung betonte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, dass man darüber nachdenken müsse, wie verhindert werden könne, dass sich Geschichte wiederhole.
Ralph Burghart, Kämmerer der Stadt Chemnitz, dürfte sich im Zusammenhang mit der Ausstellung über die hohen Besucherzahlen im Kulturhauptstadtjahr gefreut haben. Der Titel C the Unseen bedeute jedoch auch, Unrecht sichtbar zu machen. In diesem Zusammenhang sei die Ausstellung auch für Chemnitz bedeutsam. Es gehe zudem um weitere Mahnmale im Stadtbild, die Geschichte und Erinnerung wachhalten.
Heute wird in Deutschland wieder über Erinnerungskultur diskutiert. Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, forderte in der Vergangenheit eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Dass Generationen, die Leid und Elend nicht aus persönlicher Erfahrung kennen, derartiges diskutieren, ist für die Holocaustüberlebende Renate Aris nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil: Man dürfe nicht müde werden, die Erinnerung an die furchtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten wachzuhalten.
Die Ausstellung „Systemerkrankung – Arzt und Patient im Nationalsozialismus“ ist in den Räumen der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, Carl-Hamel-Straße 3 in Chemnitz, zu sehen. Sie bietet einen Überblick über ein bislang wenig beachtetes Kapitel des Nationalsozialismus, auch anhand von Einzelschicksalen. Die Schau ist noch bis zum 27. November 2025 geöffnet.