Do., 26.02.2026 , 12:01 Uhr

Leipzig

Vier Jahre russischer Angriff auf die Ukraine: Künstlerin kämpft gegen das Vergessen

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen vier Jahre an. Eine Leipziger Künstlerin zeigt, was hinter dieser Jahreszahl steht.

Wenn Krieg zur Gewohnheit wird

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert an. Seit Jahren bestimmen Meldungen über Frontverläufe, Waffenlieferungen und Opferzahlen die Nachrichten. Doch je länger ein Krieg dauert, desto größer wird die Gefahr, dass er zur Statistik wird.

Was bleibt, wenn Schlagzeilen leiser werden? Und wie lässt sich verhindern, dass ein Krieg nur noch als Zahl wahrgenommen wird?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Leipziger Künstlerin Anna Perepechai in ihrer Ausstellung „Tears of Things“ im Kunstraum D21.

Zwischen Leipzig und der Ukraine

Anna Perepechai stammt aus der Ukraine und lebt seit 2014 in Deutschland. Sie kam zunächst für einen Freiwilligendienst nach Dresden, studierte später unter anderem Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Hier ist sie Künstlerin geworden.

Ihre Familie lebt bis heute in der Ukraine. Der Krieg ist für sie daher keine abstrakte Nachricht, sondern Teil ihres Alltags.

Am Jahrestag des russischen Angriffskrieges steht Perepechai zwischen Kerzen, Fahnen und Sprechchören in der Leipziger Innenstadt. Für sie ist dieser Abend mehr als Symbolik – er steht für Erinnerung und für den Anspruch, weiter hinzusehen.

„Alle Menschen werden müde vom Krieg. Ukrainer sind müde vom Krieg, Deutsche sind auch müde vom Krieg. Das bedeutet aber nicht, dass man aufhören soll“, sagt sie.

1,3 Millionen Geflüchtete – und viele Fragen

Der Krieg ist auch in Deutschland spürbar. Nach Angaben des Bundesverwaltungsamtes sind derzeit rund 1,3 Millionen Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland registriert. Studien zeigen: Rund 45 Prozent wollen langfristig bleiben, andere hoffen auf eine Rückkehr.

Gleichzeitig nimmt die öffentliche Aufmerksamkeit ab. Perepechai beobachtet, dass viele Menschen den Konflikt nur noch in Zahlen wahrnehmen.

„Das Problem ist aber dabei, dass sehr oft immer noch ein Großteil der Menschen nur Schlagzeilen liest, wo es nur um Zahlen geht. Und wenn der Krieg in Zählen rutscht, dann verliert man das menschliche Gesicht.“

Zwei Koffer voller Erinnerung

Ausgangspunkt ihrer Ausstellung waren zwei Koffer. 2022 brachte Perepechai sie aus der Ukraine nach Leipzig. Darin: Fotos, Briefe, Kleidung – ein Familienarchiv. Ihre Heimatregion war zuvor besetzt gewesen.

„Sehr oft leider in der Situation, wenn Menschen fliehen müssen, ist die Frage: Was nimmst du mit?“, sagt sie.

Später baute sie diese Koffer aus Glas nach. Transparent, zerbrechlich. Erinnerung als etwas Fragiles – und zugleich als etwas, das Identität stiftet.

Die Ausstellung zeigt Fotografien, Texte und Videoinstallationen. Eine Aufnahme dokumentiert den Hauseingang ihrer Familie. Dazu ist das Dröhnen einer russischen Drohne zu hören – ein Geräusch, das sich einprägt.

„Ich überlege dann ziemlich immer eigentlich, wo fliegt diese Drohne und von wo“, sagt Perepechai. „Ich denke an diese Route, die sie macht, und alle Familien, die sie auf dem Weg betrifft.“

Kunst als Gesprächsangebot

„Tears of Things“ ist keine Anklage im klassischen Sinne. Perepechai versteht ihre Arbeit als Einladung zum Gespräch – über Verlust, Migration und Verantwortung.

„Durch Kunst kann man vielleicht ohne großen Druck, ohne sehr krassen, vielleicht blutigen Bildern darüber sprechen“, sagt sie. „Und hoffentlich auch ins Gespräch kommen und Lösungen suchen.“

Der Krieg dauert an. Und mit ihm die Frage, wie Gesellschaften mit Distanz, Müdigkeit und Desinformation umgehen. Perepechais Antwort ist leise – aber deutlich: hinschauen, zuhören, erinnern.

Die Ausstellung „Tears of Things“ ist noch bis zum 15. März 2026 im Kunstraum D21 in Leipzig-Lindenau zu sehen.