Mi., 25.02.2026 , 12:00 Uhr

Hohe Schulden für eine Ausbildung - trotz Fachkräftemangel?

Vietnamesische Azubis zahlen 10.000 Euro für eine Ausbildung in Leipzig

Vietnamesische Azubis zahlen bis zu 10.000 Euro für eine Ausbildung in Leipzig – ein System mit Schattenseiten.

Ein Traum mit hohem Preis

„Ich habe 10.000 Euro gezahlt, um hierher zu kommen“, sagt Linh leise.

Die 23-Jährige lebt seit drei Jahren in Leipzig und macht eine Ausbildung zur Köchin. Sie kommt aus Ha Tinh, einer strukturschwachen Provinz in Zentralvietnam. Dort verdienen Köche im Schnitt rund 200 Euro im Monat.

In Leipzig erhält sie etwa 1.000 Euro brutto im Monat – bereits im ersten Ausbildungsjahr.

Ein gewaltiger Unterschied.

Doch der Weg hierher war teuer. Sehr teuer.

Bis zu 20.000 Euro für Vermittlung

Linh zahlte 10.000 Euro an einen privaten vietnamesischen Vermittler.
Inbegriffen: Deutschkurse, Dokumentenübersetzungen und die Aufnahme in einen deutschen Bewerberpool. Nicht enthalten: das Flugticket.

Auch Trang, die ebenfalls bei fairgourmet in Leipzig ihre Ausbildung macht, zahlte 8.000 Euro.

„Meine Familie hat das gezahlt, wir zahlen das in Raten ab“, erzählt sie.

Nach Recherchen von rbb24 verlangen private Vermittler teils bis zu 20.000 Euro. Die Kosten variieren – und sind kaum reguliert. Welche Leistungen enthalten sind, bestimmen die Anbieter selbst.

Viele Familien verschulden sich.

Migration als Familienstrategie

Ha Tinh trägt nur rund 0,7 Prozent zum vietnamesischen Bruttoinlandsprodukt bei. Perspektiven sind begrenzt.

„Ich muss über 500 Euro für meine Familie schicken“, sagt Linh. Ihre Mutter betreibt ein kleines Bistro und ernährt mehrere Kinder allein. Ein Teil des Geldes fließt in die Rückzahlung der Schulden.

Für viele Familien ist die Ausbildung in Deutschland eine Investition – nicht nur in die Zukunft der jungen Menschen, sondern in die gesamte Familie.

Wie das System funktioniert

Antje Schneider, Personalleiterin bei fairgourmet in Leipzig, betreut seit Jahren vietnamesische Auszubildende.

Der Weg beginnt in Vietnam. Dort besuchen Interessierte Sprachschulen, die mit privaten Vermittlern zusammenarbeiten. Erst danach werden Kontakte nach Deutschland hergestellt.

Hier übernehmen Agenturen – in diesem Fall eine Kanzlei aus Leipzig und Berlin – Visa, Flug und erste Unterkunft.

„Mittlerweile zahlen wir 500 Euro pro Auszubildender – vermutlich bald 1.000.“, sagt Schneider.

Die Betriebe tragen also ebenfalls Kosten – allerdings deutlich geringere als die Familien in Vietnam.

Kritik und offene Fragen

Kritiker bemängeln, dass junge Menschen hohe Summen zahlen müssen, obwohl Deutschland dringend Fachkräfte sucht. Laut Bundesagentur für Arbeit blieben zuletzt zehntausende Ausbildungsplätze unbesetzt – besonders im Gastgewerbe.

Gleichzeitig fehlt es an Transparenz im vietnamesischen Vermittlungsmarkt. Staatliche Kontrollen sind begrenzt.

Auch nach der Ankunft entstehen Kosten. Die erste Unterkunft organisieren Agenturen oft nur für wenige Wochen.

„Dann müssen wir selbst etwas suchen“, erzählt Trang.

Bleiben oder zurückkehren?

Für Linh steht die Entscheidung fest.

„Jetzt möchte ich in Deutschland bleiben und mir hier etwas aufbauen.“

Für sie war der hohe Preis eine Chance. Doch nicht jeder Weg verläuft reibungslos.

Die zentrale Frage bleibt:
Wer profitiert vom Traum Deutschland – und wie fair ist das System wirklich?