Ein Spaziergang mit dem Hund – und plötzlich liegt ein hilfloser Jungvogel auf dem Bürgersteig. Genau das ist Britta Bibiko in ihrem Leipziger Wohnviertel passiert. Die Leipzigerin nimmt das kleine Tier mit nach Hause. Seitdem bestimmt ein Mauerseglerküken ihren Alltag.
„Man möchte ja das kleine Leben irgendwie retten, aber wie?“, beschreibt Bibiko ihre ersten Gedanken. Denn schnell wird klar: Das Küken braucht nicht nur Schutz, sondern spezielles Futter und regelmäßige Pflege. Gleichzeitig sind viele professionelle Anlaufstellen bereits ausgelastet.
Bibiko vermutet nach einer Internetrecherche, dass es sich bei ihrem Fund um einen jungen Mauersegler handelt. Für sie kommt es nicht infrage, das Tier auf dem Gehweg zurückzulassen.
Zu Hause beginnt die Suche nach Informationen: Was frisst ein Mauersegler? Wie häufig muss er gefüttert werden? Und wo findet sich ein professioneller Pflegeplatz?
Mauersegler ernähren sich ausschließlich von Insekten. Bibiko macht sich deshalb auf die Suche nach Heimchen. Doch die seien in mehreren Leipziger Zoogeschäften ausverkauft gewesen. Schließlich gelingt es ihr, geeignetes Futter zu bekommen.
Die ersten Fortschritte beobachtet sie genau: „Er hat auch fein gekackt, auch das ist ja ganz wichtig“, sagt die frischgebackene „Vogelmama“. Der humorvolle Satz zeigt zugleich, wie ungewohnt die Situation für sie ist. Aus einem spontanen Rettungsversuch ist innerhalb weniger Stunden eine anspruchsvolle Pflegeaufgabe geworden.
Doch warum werden nach großer Hitze plötzlich so viele junge Mauersegler auf Straßen und Gehwegen gefunden?
Eine Erklärung gibt Prof. Dr. Kerstin Müller von der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig. Mauersegler brüten häufig in Hohlräumen unter Dächern. Dort bleiben die Jungvögel tagsüber allein, während die Eltern nach Futter suchen.
Heizen sich die Brutplätze stark auf, versuchen die Küken, sich an den Öffnungen Abkühlung zu verschaffen. Dabei können sie zu weit nach außen geraten und abstürzen.
Einmal auf dem Boden, kommen die Tiere nicht allein zurück. „Die können nicht da hochklettern und die Altenvögel füttern die üblicherweise nicht auf dem Bürgersteig“, erklärt Müller.
Damit unterscheidet sich der Mauersegler von anderen Jungvögeln. Junge Amseln sitzen beispielsweise häufig außerhalb des Nestes und werden dort von ihren Eltern weiter versorgt. Ein Mauersegler, der am Boden liegt, benötigt dagegen in der Regel Hilfe.
Die viertägige Hitzewelle habe auch die Leipziger Wildvogelhilfe stark belastet. Nach Angaben ihres Leiters Karsten Peterlein gingen mehr als 500 Meldungen über gefundene Mauerseglerküken ein. Aufnehmen konnte die Einrichtung demnach lediglich 76 Tiere.
Für viele Finder beginnt deshalb eine lange Suche. Auch Britta Bibiko versucht, mehrere Ansprechpartner zu erreichen. Beim NABU sei während der großen Zahl an Anfragen zeitweise niemand ans Telefon gegangen. Ein Wildpark habe sich zwar zurückgemeldet, aber ebenfalls kein weiteres Tier aufnehmen können.
„Man ist dann schon erst mal ganz schön alleingelassen“, sagt Bibiko.
Das Problem betrifft nicht nur Leipzig. Viele Wildtierauffangstationen in Sachsen werden privat oder ehrenamtlich geführt. Die Helfer versorgen die Tiere zusätzlich zu Beruf und Familie. Den Einrichtungen fehlten häufig Personal, Geld und freie Plätze. Eine dauerhafte staatliche Förderung gebe es für die meisten Pflegestellen nicht.
Wenn keine Auffangstation erreichbar ist, versuchen manche Finder, ein Tier selbst zu versorgen. Dabei können jedoch schwere Fehler passieren.
„Man kann tatsächlich auch sehr viel falsch machen“, warnt Müller. Werde ein Mauersegler etwa mit Brot oder vergleichbarem Futter versorgt, könne das für das Tier „unter Umständen das Todesurteil“ sein.
Entscheidend ist deshalb zunächst, die Vogelart möglichst sicher zu bestimmen. Finder sollten außerdem prüfen, ob das Tier sichtbare Verletzungen hat oder matt und apathisch wirkt. Internetseiten und Apps können bei der ersten Einschätzung helfen. Danach sollte möglichst schnell fachlicher Rat eingeholt werden.
Gerade bei Mauerseglern ist eine artgerechte Versorgung anspruchsvoll. Die Tiere benötigen geeignetes Insektenfutter und müssen vorsichtig gefüttert werden. Der empfindliche Schnabel darf dabei nicht verletzt werden.
Für Britta Bibiko bleibt die Situation vorerst offen. Sie hofft, das Küken bald an eine erfahrene Pflegestelle übergeben zu können. Die Zeit drängt: Ihre Familie will demnächst in den Urlaub fahren.
Das Tier einfach auszusetzen, kommt für sie nicht infrage. Im Notfall müsse der kleine Vogel sogar mitfahren, sagt sie. Gleichzeitig versucht sie weiter, einen Platz in fachkundigen Händen zu finden.
Ihr Ziel ist klar: Das Küken soll die kritischen Wochen überstehen, flügge werden und schließlich das tun können, wofür Mauersegler bekannt sind – fast sein gesamtes Leben in der Luft verbringen.