Di., 11.11.2025 , 15:08 Uhr

Offizielle Verhandlungen fanden zwischen den beiden Staaten nicht statt; stattdessen übernahmen private Akteure die praktische Abwicklung.

Ware Mensch - Wie das Ceaușescu-Regime Rumäniendeutsche an den Westen verkaufte

Chemnitz- Sie waren Verhandlungsmasse in einem zynischen Geschäft zwischen Ost und West: Tausende Rumäniendeutsche wurden in den 1970er- und 80er-Jahren vom Regime Nicolae Ceaușescus an die Bundesrepublik verkauft. Für harte Devisen durften Menschen ausreisen – Freiheit gegen Geld. Ein Kapitel europäischer Geschichte, das bis heute fassungslos macht. Im Lern- und Gedenkort Kaßberg in Chemnitz erinnert nun eine Veranstaltung an die Schicksale der Betroffenen.

Der Lern- und Gedenkort Kaßberg soll an das unmenschliche System des Häftlingsfreikaufs der DDR erinnern. Mit dem Menschenhandel verschaffte sich das klamme Regime dringend benötigte Devisen. Die Bundesrepublik Deutschland kaufte allerdings auch aus anderen Ländern Häftlinge frei, zum Beispiel aus Rumänien.

Der hingerichtete Diktator Nicolae Ceaușescu, von 1965 bis 1989 rumänischer Staatspräsident, soll dies in einem beschämenden Satz zusammengefasst haben: „Juden, Deutsche und Öl seien die Exportschlager des Landes.“ Der Mensch als Ware.

Ebenjene Geschichte stand nun im Fokus einer Veranstaltung in der Gedenkstätte Kaßberg. Anwesend war auch die Zeitzeugin Brigitte Depner: Dem perfiden Handel hat sie ihr Leben in der Bundesrepublik zu verdanken. Der Freikauf ließ sie damals mit gemischten Gefühlen zurück. Natürlich sei man froh gewesen, endlich ausreisen zu können. Gleichzeitig bedeutete dies aber auch, Menschen im damaligen Unrechtsstaat zurückzulassen.

Dass Geschichten wie die von Brigitte Depner in der Öffentlichkeit eher wenig bekannt sind, liegt auch daran, dass das Thema lange der Geheimhaltung unterlag. Offizielle Verhandlungen fanden zwischen den beiden Staaten nicht statt; stattdessen übernahmen private Akteure die praktische Abwicklung. Die Umstände hätten aus Sicht von Peter Wellach, Kurator und Leiter am Lern- und Gedenkort Kaßberg, manchmal dazu geführt, dass selbst die freigekauften Menschen vom Handel nichts wussten.

Landtagspräsident Alexander Dierks ist Vorstand im Lern- und Gedenkort Kaßberg. Dass das Thema aufgegriffen werde, sei wichtig. Denn im Umkehrschluss lasse sich ableiten, wie bedeutend demokratische Werte sind – und dass es sich lohnt, diese zu bewahren.

Zeitzeugin Brigitte Depner war von der Schau am Gedenkort ergriffen. Der Blick auf den Menschenhandel weckte auch Erinnerungen an ihr eigenes Schicksal. Das sei kein schönes Gefühl. Gleichzeitig werde im historischen Ort klar, warum es sich lohnt, für den Erhalt demokratischer Werte einzustehen – für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Häftlingsfreikaufs zeigt eindrücklich, wie fragil Freiheit und Demokratie sein können. Sie erinnert daran, dass es nicht nur um politische Abmachungen geht, sondern um das Leben von Menschen – um Schicksale, die nicht vergessen werden dürfen. Orte wie der Kaßberg machen diese Geschichte sichtbar und mahnen, Verantwortung zu übernehmen, damit sich Unrecht nicht wiederholt.