Viele hören True Crime beim Putzen, beim Pendeln, vor dem Einschlafen. Echte Kriminalfälle werden in Podcasts nacherzählt, in Dokus rekonstruiert, in Büchern analysiert. Das Genre ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und in Deutschland ein Quotengarant im Audio-Markt. So kam der Podcast „Mordlust“ laut agma-Messung im Dezember im Schnitt auf 975.291 valide Downloads pro neuer Folge.
Doch Popularität allein erklärt nicht, warum Menschen freiwillig in düstere Geschichten eintauchen. In Leipzig spricht Jörg Pfeifer über die Mechanik hinter dem Hype. Pfeifer ist Buchautor und Journalist, seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Kriminalthemen in Mitteldeutschland. Für ihn beginnt die Erklärung nicht bei Voyeurismus, sondern viel früher: „Das Interesse an Verbrechen und das Interesse an bösen Dingen, das liegt uns in den Genen“, sagt er. Und: „Urgeschichtlich prägt sich Schlechtes emotional viel besser ein als positive Dinge. Das ist ein Überlebensvorteil gewesen.“
True Crime gilt als Genre, das besonders viele Frauen erreicht. Eine True-Crime-Studie von Seven.One Audio beschreibt in ihrer Befragung 93 Prozent weibliche Hörerschaft. Auch in Popkultur-Analysen wird dieser Schwerpunkt immer wieder diskutiert – oft mit der These: Es geht nicht um das Feiern von Gewalt, sondern um Mustererkennung, Selbstschutz, Psychologie.
Auf der Straße klingt das sehr konkret. Eine Passantin sagt: „An True-Crime interessiert mich die Abfolge, aber auch was danach passiert. Was passiert eigentlich mit den Opfern, Tätern … was bewegt Menschen dazu, sowas überhaupt zu machen?“ Sie habe sich sogar „super viel belesen“, weil sie gemerkt habe, wie viel sie konsumiert. Für sie steckt dahinter auch ein Sicherheitsaspekt: Wissen, wie Situationen eskalieren – und was danach juristisch passiert.
So verständlich Neugier ist: True Crime kann auch an die Substanz gehen. Die gleiche Passantin beschreibt, wie ihr Sicherheitsgefühl schwankt: „… andernmal tangiert es mich schon sehr dolle und ich bin eher vorsichtiger … dann mache ich … Pause und höre das nicht mehr so oft.“
Genau diese Ambivalenz findet sich auch in Forschungslinien: Häufiges Eintauchen in True-Crime-Geschichten kann die gefühlte Wahrscheinlichkeit erhöhen, selbst Opfer zu werden – und damit Angst verstärken. Das heißt nicht, dass jeder True-Crime-Fan ängstlicher wird. Aber es erklärt, warum manche bewusst Grenzen ziehen.
Ein Passant sagt, ihn holten „düstere Themen wie Mord“ privat nicht ab. Er wolle sich dem nicht zusätzlich aussetzen, weil schlechte Nachrichten ohnehin präsent seien. True Crime, so seine Haltung, ist nicht automatisch Bildung – manchmal ist es einfach zu viel.