Leipzig - Sachsens Wärmeversorgung steht vor einem grundlegenden Umbau. Fernwärme soll künftig eine noch größere Rolle spielen und gleichzeitig klimaneutral werden. Dafür sind Investitionen in Milliardenhöhe nötig. Über die Pläne der Kommunen wird auch beim Ostdeutschen Energieforum in Leipzig gesprochen.
Schon heute gehört Sachsen bei der Fernwärmeversorgung im bundesweiten Vergleich zur Spitzengruppe der Flächenländer. Nach Zahlen des Zensus 2022 wurden 28 Prozent der Wohnungen im Freistaat mit Fernwärme beheizt. Bundesweit lag der Anteil bei 15 Prozent.
Ein Grund dafür liegt in der Vergangenheit. Zu DDR-Zeiten wurden viele große Wohngebiete zentral mit Wärme versorgt. Entsprechend umfangreiche Leitungsnetze bestehen teilweise bis heute und wurden nach der Wiedervereinigung modernisiert und erweitert.
Besonders umfangreich sind die Pläne in Leipzig. In Sachsens größter Stadt sollen künftig etwa 50 Prozent des Wärmebedarfs durch Fernwärme gedeckt werden. Derzeit sind es den Angaben zufolge etwas mehr als 30 Prozent.
Dafür soll das bestehende Fernwärmenetz von derzeit rund 485 Kilometern auf etwa 800 Kilometer wachsen. Zusammen mit neuen Anlagen zur Wärmeerzeugung werden die Investitionskosten aktuell auf mindestens drei Milliarden Euro geschätzt.
Ein wichtiger Baustein für die künftige Leipziger Wärmeversorgung soll Abwärme aus dem Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt sein. Nach den Planungen könnten damit 38 Prozent des Wärmebedarfs gedeckt werden. Dafür sollen in einer Raffinerie Wärmetauscher installiert und eine Verbindungstrasse nach Leipzig gebaut werden. Die Kosten werden auf deutlich mehr als 200 Millionen Euro geschätzt.
Die bisherigen Fernwärmesysteme in Sachsen basieren noch zu großen Teilen auf Gas und Braunkohle. Bis 2045 soll die Wärmeerzeugung klimaneutral werden. Kohle soll spätestens 2038 als Energieträger wegfallen.
Die Versorger setzen deshalb auf unterschiedliche Technologien. In Dresden plant Sachsenenergie beispielsweise eine große Flusswasserwärmepumpe, die Wärme aus der Elbe nutzen soll. Die Anlage mit einer Leistung von 50 Megawatt könnte ab 2031 rund 16 Prozent der Dresdner Fernwärme liefern. Die Investitionskosten werden auf rund 92 Millionen Euro geschätzt.
Auch Geothermie spielt in den Planungen eine Rolle. Im Vogtlandkreis laufen Untersuchungen für ein mögliches Geothermie-Kraftwerk im Raum Bösenbrunn. Dort befindet sich heißes Thermalwasser im Untergrund. Auch in Schneeberg könnte Erdwärme künftig einen Beitrag zur Wärmeversorgung leisten.
Weitere Möglichkeiten sind Großwärmepumpen, Solarthermieanlagen und sogenannte Power-to-Heat-Anlagen, bei denen Wasser mit Strom erhitzt wird. Auch Abwärme aus Industrieanlagen oder Rechenzentren soll stärker genutzt werden.
Auch Chemnitz plant einen weiteren Ausbau. Nach Angaben des Versorgers Eins wird dort bereits rund ein Drittel des Wärmebedarfs durch Fernwärme gedeckt. Mehr als 72.000 Wohnungen werden auf diesem Weg versorgt.
Langfristig soll der Anteil auf etwa 50 Prozent steigen. Dafür soll das Fernwärmenetz bis 2045 schrittweise erweitert und verdichtet werden. Der Versorger rechnet mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.
Bereits Anfang 2024 wurde das Heizkraftwerk Nord mit seinen Braunkohleblöcken außer Betrieb genommen. Stattdessen kommen inzwischen gasbetriebene Kraftwerke zum Einsatz. Nach Angaben des Versorgers wird dadurch der CO2-Ausstoß um 60 Prozent reduziert. Gas gilt allerdings ebenfalls nur als Übergangslösung auf dem Weg zur klimaneutralen Versorgung.
Mit dem Ausbau der Fernwärme rücken zugleich die Kosten für Verbraucher stärker in den Mittelpunkt. Anders als bei Strom oder Gas können Fernwärmekunden ihren Anbieter in der Regel nicht frei wählen.
Zwischen einzelnen Städten und Regionen bestehen zudem erhebliche Preisunterschiede. Nach Angaben des Portals waermepreise.info kostet Fernwärme für ein Mehrfamilienhaus in Zwickau und Meißen etwas mehr als 15 Cent pro Kilowattstunde brutto. In Niesky sind es dagegen fast 26 Cent.
Lorenz Bücklein von der Verbraucherzentrale Sachsen fordert deshalb stärkere Regulierung. Dazu zählen nach seiner Einschätzung eine verpflichtende Preisplattform bei einer Bundesbehörde, eine eigene Schlichtungsstelle für Fernwärme und eine wirksamere Preisaufsicht.
Die Kosten des Umbaus dürften nach Ansicht der Verbraucherzentrale nicht einseitig auf private Haushalte übertragen werden.
Auch die Preisentwicklung in Leipzig wird genauer untersucht. Die Verbraucherzentrale Sachsen hat Fernwärmekunden in der Stadt dazu aufgerufen, Verträge und Abrechnungen aus den vergangenen Jahren einzureichen.
Damit soll überprüft werden, ob die Preisgestaltung zulässig ist. Der Ausbau der Fernwärme wird damit nicht nur zu einer technischen und finanziellen Herausforderung für Städte und Versorger. Auch die Frage, wie die Milliardeninvestitionen finanziert werden und welche Kosten am Ende bei den Haushalten ankommen, dürfte die Wärmewende in Sachsen weiter begleiten.