Di., 16.06.2026 , 09:27 Uhr

350 Mitwirkende bringen „Plattenspieler“ in Dresden auf die Bühne

Prohlis bekommt eigene Stadtteiloper

In Dresden-Prohlis entsteht mit „Plattenspieler“ eine Stadtteiloper mit 350 Laien und Profis. Geplant sind vier Aufführungen.

Dresden - Das Dresdner Stadtviertel Prohlis wird erneut zur Bühne für ein besonderes Musikprojekt. Mit der Stadtteiloper „Plattenspieler“ bringt das Projekt „Musaik – Grenzenlos musizieren“ ein gemeinsam entwickeltes Musiktheaterstück auf die Bühne. Insgesamt wirken rund 350 Laien und Profis mit, darunter überwiegend Kinder, aber auch Erwachsene.

Geplant sind vier Aufführungen an diesem Freitag und Samstag. Die Produktion verbindet Musiktheater, gesellschaftliche Fragen und die Geschichte des Stadtteils miteinander.

Im Mittelpunkt der Oper steht eine Geschichte mit kosmischer Dimension: Der Halley’sche Komet verliert ein Stück von sich selbst. Dieses Stück, ein singender Stein namens Halley, landet in Dresden-Prohlis. Dort erlebt er im Zeitraffer, wie aus einer urzeitlichen Siedlung eine lebendige Stadt wird. In einer Nachrichtensendung aus dem Jahr 2061 wird erzählt, wie Halley durch verschiedene Epochen reist und welchen Menschen er begegnet.

Nach Angaben von „Musaik“-Sprecherin Heike Bronn verbindet die Oper Musik aus verschiedenen Jahrhunderten. Dazu gehören unter anderem Händels „Wassermusik“ und „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Ergänzt wird die Inszenierung durch Live-Animation, Schauspiel, Tanz und Chor.

Neben dem rund 130-köpfigen „Musaik“-Orchester wirken auch 150 Kinder aus einer Prohliser Grundschule und einer Oberschule mit. Außerdem beteiligen sich Mitglieder der Staatskapelle Dresden, Ensembles der evangelischen Kirchgemeinde Prohlis sowie Chöre. Auch das Publikum soll in die Aufführung einbezogen werden.

Die Stadtteiloper greift Fragen auf, die über die Bühne hinausweisen: Was bedeutet Heimat? Wie gehen Menschen mit dem Fremden um? Und was bleibt, wenn sich alles verändert? Damit knüpft „Musaik“ an die eigenen Anfänge an.

Das Projekt entstand 2017 nach dem Vorbild von „El Sistema“ in Venezuela. Kinder aus finanziell schwächeren Familien erhalten dabei kostenlosen Musikunterricht und Instrumente. Die Dresdner Musikerinnen Luise Börner und Deborah Oehler hatten ein ähnliches Modell zuvor in Peru kennengelernt und brachten die Idee nach Dresden.

In Prohlis begannen sie damit, Kinder und Jugendliche kostenlos zu unterrichten. Zunächst fand der Unterricht in einem früheren Eisladen in einem Einkaufszentrum statt. Viele der Kinder stammen aus Flüchtlingsfamilien. Um möglichst viele junge Menschen zu erreichen, entwickelte das Projekt ein eigenes Unterrichtssystem.

Heute unterrichten 15 Lehrkräfte aus fünf Nationen Kinder und Jugendliche in Streich- und Blasinstrumenten. Nach Angaben des Vereins kommen viele der Teilnehmer aus sozial und finanziell benachteiligten Milieus und aus rund 15 Ländern.

Tim Vollmann, der das Büro des Vereins betreut, beschreibt „Musaik“ als ein Projekt, das musikalische Ausbildung im Orchester als Instrument für gesellschaftlichen Wandel einsetzt. Das gemeinsame Musizieren solle Vorurteile abbauen und ein Klima des respektvollen Miteinanders fördern.

Unterstützt wird das musikalische Sozialprojekt seit längerem auch von der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Die beiden Gründerinnen Luise Börner und Deborah Oehler wurden inzwischen mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Für die aktuelle Stadtteiloper setzt „Musaik“ auch auf Unterstützung aus dem Stadtteil. Unter dem Aufruf „Machen Sie die Stadtteiloper bunt!“ werden unter anderem Kostüme für rund 100 Schulkinder benötigt. Dafür werden T-Shirts, Leggins und Schürzen gebraucht. Ein Kostüm ist mit 20 Euro veranschlagt. Das Geld soll für Material verwendet werden.

Mit Farbe, Pinsel, Bananenkisten, Holz, Glitzerpapier, Goldfolie und einer Nebelmaschine sollen verschiedene Bühnenelemente entstehen, darunter ein Schloss, ein „Zukunftsstudio“ und eine „Zeitreisemaschine“.

Prohlis war bereits 2020 Schauplatz eines außergewöhnlichen Musikprojekts. Damals machten die Dresdner Sinfoniker mit „Himmel über Prohlis“ das Wohnquartier zu einem Konzerthaus unter freiem Himmel. Musiker spielten auf den Dächern mehrerer Hochhäuser, begleitet von Bläser-Formationen und Schlagzeugern auf chinesischen Dà-Gǔ-Trommeln.

Mit „Plattenspieler“ rückt Prohlis nun erneut als kultureller Ort in den Mittelpunkt. Die Stadtteiloper verbindet Musik, Stadtgeschichte und die Lebensrealität eines Viertels, das von vielen Nationen geprägt ist.