Mo., 14.09.2026 , 10:13 Uhr

82.000 Kilometer Verteilnetz sollen besser gegen Angriffe geschützt werden

So schützt Sachsen seine Stromnetze

Nach Sabotageversuchen rückt die Sicherheit der Stromversorgung in Sachsen stärker in den Fokus. Netzbetreiber und Freistaat planen zusätzliche Schutzmaßnahmen.

Dresden - Nach den Sabotageversuchen auf das sächsische Stromnetz beschäftigt sich der Freistaat verstärkt mit der Sicherheit seiner Energieversorgung. Ein 48-jähriger mutmaßlicher Täter soll mit insgesamt 21 Sprengvorrichtungen versucht haben, großflächige Stromausfälle zu verursachen. Einige der Vorrichtungen waren bereits gezündet, als die Polizei sie entdeckte. Schäden am Stromnetz entstanden nach den vorliegenden Angaben jedoch nicht.

Der Fall wirft die Frage auf, wie gut Sachsens Stromversorgung gegen gezielte Angriffe geschützt ist und welche Vorkehrungen für größere Ausfälle bestehen.

82.000 Kilometer Verteilnetz in Sachsen

Das sächsische Stromnetz besteht aus verschiedenen Ebenen. Nach Angaben des Energieministeriums umfassen die regionalen und lokalen Verteilnetze im Freistaat insgesamt rund 82.000 Kilometer. Über diese Netze werden unter anderem Privathaushalte mit Strom versorgt.

Hinzu kommt das Übertragungsnetz mit einer Länge von etwa 1.000 Kilometern.

Zu den größten Netzbetreibern gehört SachsenNetze. Das Unternehmen ist für rund 25.000 Kilometer Stromnetz in der Region Dresden und Ostsachsen zuständig. Mitnetz betreibt insgesamt etwa 71.000 Kilometer Leitungen in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Daneben gibt es kommunale Netzbetreiber wie Stadtwerke.

Zäune, Überwachung und IT-Sicherheit

Der Energiesektor gehört zur kritischen Infrastruktur. Entsprechend sollen Stromnetze und technische Anlagen sowohl gegen physische Angriffe als auch gegen Cyberattacken geschützt werden.

SachsenNetze führt nach eigenen Angaben regelmäßig Risikobewertungen zur physischen Sicherheit seiner Anlagen durch. Dabei werden mögliche Gefahren, deren Wahrscheinlichkeit und mögliche Auswirkungen untersucht. Auf dieser Grundlage sollen Schutzmaßnahmen entwickelt und angepasst werden.

Welche Maßnahmen konkret eingesetzt werden, hängt von der jeweiligen Anlage und deren Umgebung ab. Zum Schutz können unter anderem Zäune, Überwachungssysteme und Zugangskontrollen eingesetzt werden.

Auch die digitale Sicherheit spielt eine wichtige Rolle. Firewalls, Verschlüsselungen und regelmäßige Sicherheitsupdates sollen IT-Systeme vor Angriffen schützen.

Stromausfälle in Sachsen vergleichsweise kurz

Zu konkreten Sicherheitsvorfällen und deren Anzahl macht SachsenNetze grundsätzlich keine Angaben. Nach Einschätzung des Unternehmens zählt das deutsche Stromversorgungssystem jedoch zu den sichersten und zuverlässigsten weltweit.

Auch Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen eine hohe Versorgungssicherheit. In Sachsen waren Verbraucher im gesamten Jahr 2024 durchschnittlich rund neun Minuten ohne Strom. Seit 2008 hat sich dieser Wert den Angaben zufolge ungefähr halbiert.

Netzbetreiber trainieren für Krisenfälle

Für unterschiedliche Krisenszenarien hält SachsenNetze Notfallpläne vor. Diese umfassen auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.

Der Umgang mit Störungen und der Wiederaufbau des Netzes nach Ausfällen werden regelmäßig mit Mitarbeitern trainiert. Ziel ist es, betroffene Gebiete möglichst schnell wieder mit Strom zu versorgen.

Dafür stehen rund um die Uhr besetzte Leitstellen, Bereitschaftssysteme und ein Krisenmanagement zur Verfügung. Bei Störungen sollen Mitarbeiter dadurch schnell eingesetzt werden können.

Zusätzlich ist das Stromnetz redundant aufgebaut. Damit stehen Kapazitäten zur Verfügung, die im normalen Betrieb nicht vollständig benötigt werden und bei Ausfällen genutzt werden können. Netzersatzanlagen können den Wiederaufbau der Versorgung zusätzlich unterstützen.

Freistaat plant besseren Schutz

Nach Angaben von Sachsens Energieminister Dirk Panter wurde bereits im vergangenen Jahr über eine veränderte Bedrohungslage gesprochen. Der mehrtägige Stromausfall in Berlin Anfang dieses Jahres habe die genauere Betrachtung der Energienetze zusätzlich beschleunigt.

Das Energieministerium hat eine Kabinettsvorlage mit 18 Einzelpunkten für einen besseren Schutz der Versorgungssicherheit erarbeitet. Dabei geht es unter anderem darum, Verantwortlichkeiten für Krisenfälle zu klären und Vorsorge, Gefahrenabwehr sowie Katastrophenschutz besser aufeinander abzustimmen.

Auf Bundesebene trat im März das Gesetz zur Stärkung der physischen Resilienz kritischer Anlagen, das sogenannte Kritis-Dachgesetz, in Kraft. Die Vorschriften verschärfen die Pflichten von Betreibern kritischer Infrastruktur. Vorgesehen sind unter anderem Risikoanalysen und die Meldung von Sicherheitsvorfällen.

Sachsen prüft darauf aufbauend ein eigenes Gesetz. Darin könnte unter anderem geregelt werden, ab welcher Größe Unternehmen und Betreiber unter entsprechende Vorgaben fallen.

Neues Gremium für Krisenfälle geplant

Zusätzlich will die sächsische Regierung ein neues Gremium für Krisensituationen schaffen. Darin sollen Vertreter verschiedener wichtiger Bereiche zusammenkommen. Genannt werden unter anderem Ernährung, Gesundheit und Energie.

Beteiligt werden sollen Staatssekretäre sowie Verantwortliche der jeweils betroffenen Organisationen. Ziel ist eine engere Abstimmung, wenn mehrere Bereiche der kritischen Infrastruktur gleichzeitig betroffen sind.

Mehr Überwachung von Anlagen gefordert

Energieminister Panter sieht auch bei der grundsätzlichen Ausrichtung des Schutzes Änderungsbedarf. Stromnetze seien in der Vergangenheit vor allem darauf ausgelegt worden, Havarien zu verhindern und Schäden möglichst schnell zu beheben. Nun müsse stärker berücksichtigt werden, dass auch gezielte Angriffe durch Terroristen oder feindliche staatliche Akteure möglich seien.

Sachsens Innenminister Armin Schuster sprach sich dafür aus, Netzbetreibern mehr Möglichkeiten für die Überwachung ihrer eigenen Anlagen mit Drohnen einzuräumen. Auch intelligente Videoüberwachung in Verbindung mit Alarmanlagen soll aus seiner Sicht stärker genutzt werden können.

SachsenNetze fordert ebenfalls eine umfassendere und rechtssichere Möglichkeit, Anlagen zu schützen.

Diskutiert wird zudem der Umgang mit öffentlich verfügbaren Informationen über die Infrastruktur. Aufgrund von Transparenzvorgaben sind Standortdaten, Netzverbindungen und Leistungsdaten online zugänglich. Schuster und der Branchenverband BDEW fordern in diesem Bereich Änderungen auf Bundes- und EU-Ebene.