So., 05.07.2026 , 13:02 Uhr

Bad Elster/Leipzig

Vogelküken nach Hitzewelle in Not - Helfer am Limit

Geld, Personal und freie Plätze fehlen: Sachsens Wildtierauffangstationen schlagen Alarm. Nach der extremen Hitze brauchen viele Vogelküken Hilfe.

Bad Elster/Leipzig (dpa/sn) – Um der Hitze in ihren Nestern zu entkommen, kletterten die Jungvögel an den Rand – und stürzten ab. Während der Hitzewelle Ende Juni gerieten auf diese Weise Hunderte junge Wildvögel in Sachsen in Not.

Bei Corinna Heinrich steht seitdem das Telefon kaum noch still. Aus den Nestern gefallene Mauersegler und andere geschwächte Jungvögel füllen die Vogel- und Igelpflegestation in Bad Elster im Vogtland. Die Tiere müssen tagsüber im Abstand von wenigen Stunden gefüttert werden. Bundesweit seien viele Wildtierpflegestationen voll ausgelastet oder stünden kurz vor einem Aufnahmestopp, berichtet Heinrich.

Die jüngste Extremhitze habe «das Fass zum Überlaufen gebracht», sagt sie. Rund 50 Mauerseglerküken hat Heinrich in den vergangenen Tagen aufgenommen. Dabei seien die meist privat betriebenen und fast ausschließlich aus Spenden finanzierten Wildtierpflegestationen schon zuvor an ihre Grenzen gekommen. «Immer mehr geben auf.» Für viele sei die zeitaufwendige Pflege neben Beruf, Familie und gesundheitlichen Belastungen nicht mehr zu bewältigen.

Heinrich betreibt nach eigenen Angaben die einzige verbliebene Auffangstation für kleine Wildtiere in weiten Teilen Südwestsachsens und bis ins bayerische Oberfranken. «Wenn ich aufhören würde, müsste ich ständig daran denken, was mit den Tieren passiert.»

Hitze setzt Jungvögeln in Städten besonders zu

Besonders dramatisch sei die Lage zuletzt in den stark aufgeheizten Großstädten mit Temperaturen um 40 Grad Celsius gewesen, sagt Karsten Peterlein, Leiter der Wildvogelhilfe Leipzig. Während der viertägigen Hitzewelle im Juni seien mehr als 500 Meldungen über gefundene Mauerseglerküken eingegangen. 76 Tiere habe die Wildvogelhilfe aufnehmen können. «Die anderen mussten wir abweisen, es ist eine Katastrophe.»

Es fehle schlicht an Zeit, Personal und Geld. Viele Jungvögel seien wegen der Hitze an den Rand ihrer Nester geklettert, abgestürzt und anschließend auf Hilfe angewiesen gewesen.

Auch in Bad Elster bestimmt die Versorgung der jungen Mauersegler den Tagesablauf. Jeder Vogel muss zum Füttern vorsichtig in die Hand genommen werden. Ein falscher Griff kann den empfindlichen Schnabel verletzen. Die Aufzucht eines Mauerseglers koste allein für das Futter rund 50 Euro, berichtet Heinrich. In ihrer Station werden zudem Igel, Fledermäuse und andere Wildtiere versorgt.

Die Station sei dringend auf Spenden angewiesen. «Ich kann die Kosten für Tierarzt und Futter einfach nicht allein stemmen.»

Eine dauerhafte staatliche Förderung gibt es für die meisten Wildtierpflegestationen in Sachsen nicht, sagt René Sievert vom Naturschutzbund Sachsen (Nabu). «Die Menschen, die Wildtiere finden, sind oft verzweifelt. Sie telefonieren lange und finden trotzdem keine Ansprechpartner.»

Außerhalb der Dienstzeiten seien Behörden aus den Bereichen Jagd, Forst oder Naturschutz häufig nicht erreichbar. «Dann landen die Menschen zwangsläufig bei den ehrenamtlichen Wildtierpflegestellen», sagt Sievert. Vielen sei nicht bewusst, dass die Helfer die Tiere zusätzlich zu Beruf und Familie versorgten. Die Kapazitäten seien entsprechend begrenzt.

Der Nabu bemühe sich deshalb intensiv um Information und Aufklärung, damit Hilfe möglichst schnell vermittelt werden könne. Seit kurzem unterstützt zudem die bundesweite Wildtier-SOS-App Finder dabei einzuschätzen, ob ein Tier tatsächlich Hilfe benötigt und an wen sie sich wenden können.

Emotionale Belastung für Helfer

Dass selbst erfahrene Betreiber von Auffangstationen zeitweise ausfallen, verschärft die Situation. Tobias Rietzsch von der Wildtierauffangstation in Rödlitz im Landkreis Zwickau kann derzeit aus gesundheitlichen Gründen keine Tiere aufnehmen. Die Anfragen reißen dennoch nicht ab. Immer wieder meldeten sich auch Tierärzte, Feuerwehren und Behörden bei ihm.

«Vom Land Sachsen kamen bisher keine Signale, uns bei unserer Arbeit zu unterstützen», sagt Rietzsch. Vielen Helfern falle es aus moralischen Gründen schwer, Tiere abzuweisen. Er berichtet von einem Falkner, der seit Jahren ankündige, aufhören zu wollen. Inzwischen sei der Mann über 90 Jahre alt. Doch wenn das Telefon klingele, helfe er trotzdem weiter. «Wir wollen ja helfen», sagt Rietzsch.

Dass Finder häufig lange nach einer geeigneten Pflegestelle suchen müssen, war einer der Gründe für die Gründung des Netzwerks Wildtierhilfe Sachsen vor drei Jahren, sagt Geschäftsführerin Simone Schulz. Das Netzwerk will Pflegestellen, Tierärzte, Behörden und Naturschutzakteure enger miteinander verbinden. Die Idee sei an der Tierklinik der Universität Leipzig entstanden – auch, weil die Zahl schwer verletzter Wildtiere zunehme.

Heute gehören dem Netzwerk rund 150 Mitglieder an. Es unterstützt ehrenamtliche Pflegestellen unter anderem mit Fortbildungen und Resilienz-Seminaren, die die Helfer auch psychisch entlasten sollen. Denn Aufnahmestopps und das Verschwinden von Pflegestellen belasteten viele Wildtierhelfer stark. Zugleich seien in Sachsen aber auch neue Initiativen entstanden, und manche Helfer teilten sich inzwischen die Versorgung der Tiere, sagt Schulz.