Dresden - Die Lage in der deutschen Autoindustrie bleibt angespannt. Überkapazitäten, Konkurrenz aus China und ein anhaltender Stellenabbau sorgen auch bei Volkswagen in Sachsen für Unsicherheit. In der kommenden Woche kommt Konzernchef Oliver Blume erstmals zu einer Betriebsversammlung in die E-Auto-Fabrik nach Zwickau. Die Belegschaft erhofft sich davon vor allem Klarheit über die Zukunft des Standorts.
„Wir erwarten, dass endlich Klartext gesprochen wird“, sagte Mike Rösler, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates von Volkswagen Sachsen, der Deutschen Presse-Agentur. Die Beschäftigten bräuchten eine Perspektive, wie es nach 2030 weitergehe.
Bis Ende 2030 besteht für das Werk in Zwickau eine Standortgarantie. Was danach geschieht, ist bislang offen. Zwickau wurde zuletzt gemeinsam mit den Standorten Emden, Hannover und Neckarsulm als eines der Werke genannt, deren langfristige Zukunft im Konzern diskutiert wird.
Blume hatte wiederholt erklärt, dass es aus seiner Sicht intelligentere Lösungen als Werksschließungen gebe. Der Betriebsrat erwartet nun konkrete Aussagen dazu. Rösler kritisiert zugleich, dass Beschäftigte zuletzt häufig aus Medienberichten von neuen Plänen erfahren hätten. Das verstärke die Unsicherheit innerhalb der Belegschaft.
Das Werk in Zwickau nimmt innerhalb des Volkswagen-Konzerns eine besondere Rolle ein. Seit 2020 werden dort ausschließlich Elektroautos produziert. Allerdings ist die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.
Zu Hochzeiten arbeiteten rund 11.000 Menschen am Standort, aktuell sind es nach Angaben des Betriebsrates noch etwa 8.000. Mehr als 1.000 weitere Stellen sollen in den kommenden Jahren planmäßig wegfallen. Für 2027 ist zudem vorgesehen, eine der beiden Fertigungslinien stillzulegen.
Als neues Geschäftsfeld wird gleichzeitig die Demontage und Aufbereitung gebrauchter Fahrzeuge ausgebaut. Bis Ende des Jahres sollen dort laut Rösler etwa 100 Menschen beschäftigt sein. Langfristig könnten es nach Unternehmensangaben bis zu 1.000 werden. Ab 2030 sollen jährlich bis zu 15.000 Fahrzeuge zerlegt und aufbereitet werden.
Der Betriebsrat verweist auf Sparmaßnahmen in mehreren Bereichen. Neben dem Abbau von Arbeitsplätzen gehe es unter anderem um Energie- und Beschaffungskosten.
Ein Problem bleibt nach Darstellung Röslers jedoch die Auslastung des Werkes. Die Fabrik sei für eine Produktion von bis zu 360.000 Fahrzeugen jährlich ausgelegt. Für dieses Jahr rechnet der Betriebsrat mit rund 202.000 Fahrzeugen.
Eine geringere Auslastung erhöht nach seinen Angaben die Produktionskosten pro Fahrzeug. Bei voller Auslastung könne Zwickau bei den Stückkosten mit dem Standort Bratislava mithalten, erklärte Rösler.
Parallel wird über die Arbeitszeit in der deutschen Automobilindustrie diskutiert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte vor rund einem Monat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die 35-Stunden-Woche infrage gestellt und erklärt, sie passe nicht mehr in die Zeit.
Rösler widerspricht dieser Einschätzung mit Blick auf die Belastungen durch Schichtarbeit. Die Beschäftigten in Zwickau seien bereits durch Sonderschichten und verlängerte Schichten flexibel und arbeiteten häufig 39 Stunden pro Woche oder mehr. Eine generelle Erhöhung der Wochenarbeitszeit könne aus seiner Sicht zudem dazu führen, dass weniger Personal benötigt werde.
Für die zukünftige Auslastung setzt der Betriebsrat auch auf Modelle, die Volkswagen bislang ausschließlich in China produziert. Genannt werden unter anderem die SUV-Modelle ID.Unyx 08 und ID.Era 9X.
Volkswagen Sachsen besteht neben dem Zwickauer Fahrzeugwerk aus weiteren Standorten. In der Gläsernen Manufaktur in Dresden wurde die Fahrzeugproduktion bereits eingestellt. Im Motorenwerk Chemnitz werden weiterhin Verbrennungsmotoren hergestellt. Das Werk ist nach Angaben Röslers gut ausgelastet. Dennoch seien auch dort Entscheidungen über die langfristige Belegung notwendig.
Oliver Blume will in der kommenden Woche an mehreren deutschen Volkswagen-Standorten vor die Belegschaften treten. Den Auftakt bildet am Dienstag das Stammwerk in Wolfsburg. Am Mittwoch folgen Emden und Zwickau.
Für die Beschäftigten in Sachsen dürfte vor allem die Frage im Mittelpunkt stehen, welche Rolle das Zwickauer Werk nach Ablauf der Standortgarantie Ende 2030 im Volkswagen-Konzern spielen soll.
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