Am 26. September entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Baden-Baden, welche deutsche Region sich international um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewirbt. Zur Auswahl stehen München/Rhein-Ruhr mit Köln an der Spitze und Berlin plus – das gemeinsame Konzept der Hauptstadt mit Leipzig als starkem Kopartner.
Bis vor Kurzem galt Berlin plus als solide, wenn auch nicht euphorische Bewerbung mit breiter gesellschaftlicher Rückendeckung. Das hat sich geändert: Bei der Abgeordnetenhauswahl am vergangenen Wochenende ist die Linke als stärkste Kraft hervorgegangen, und Spitzenkandidatin Elif Eralp hat noch am Tag danach deutlich Abstand vom bisherigen Pro-Olympia-Beschluss des schwarz-roten Senats genommen.
Die bereits ausgegebenen sechs Millionen Euro für die Bewerbung nannte sie eine Steuergeldverschwendung, einen Vorteil für Berlin sehe sie nicht. Da ihre Partei mit der Regierungsbildung beauftragt ist und auch ein möglicher grüner Koalitionspartner die Bewerbung ablehnt, geht Eralp davon aus, dass sich die Frage praktisch erledigt hat – der Senatsbeschluss vom Mai ist für eine neue Landesregierung schließlich nicht bindend.
Der DOSB selbst reagiert zurückhaltend: Vorstandschef Otto Fricke mahnte, man solle das Ergebnis nicht überbewerten, es sei zu früh, um zu beurteilen, wie sich die Berliner Parteien bis zum 26. September positionieren.
Wie fragil die politische Lage bereits vor der Wahl eingeschätzt wurde, zeigte sich zwei Wochen zuvor bei einem Olympia-Talk der Initiative "Gold vor Leipzig" in der LVZ-Gruppe. Dort saßen Berlins Olympiabeauftragter Kaweh Niromand, die Leipziger Stadträtin Christina März, Sportökonom Dr. Anton Behrens, RB-Leipzig-Legende Dominik Kaiser, Paralympics-Medaillengewinner Max Gelhaar und Ruder-Olympiasiegerin Annekatrin Thiele auf dem Podium.
Christina März sprach die bevorstehende Wahl offen als "Elefant im Raum" an – ein Bild, das sich im Rückblick als treffend erwiesen hat. Niromand selbst reagierte damals mit demonstrativer Gelassenheit und verwies darauf, dass Berlin von Beginn an bewusst auf eine "Bewerbung in Bescheidenheit und Demut" gesetzt habe, mit Kindern als Symbol für die Zukunft und Inklusion als Leitmotiv.
Weil ein Volksentscheid aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht möglich war, habe man stattdessen über Monate eine Kiez-Tour durch die Stadt gemacht, rund 1.300 Einzelmeinungen gesammelt und ein breit besetztes Kuratorium gebildet, dem auch Vertreter der Linken angehörten. Das Ergebnis, so Niromand, sei eine Stadt ohne ausgeprägte "Anti-Olympia-Stimmung". Der Wahlsonntag hat diese Einschätzung nun auf die Probe gestellt.
Während Berlin mit den politischen Folgen der Wahl ringt, liefern Teile von Leipzig ein deutlich klareres Stimmungsbild. Eine nicht-repräsentativen Umfrage unter 441 Befragten des Leipziger Forschungsinstituts O-Trend zeigt: 47 Prozent der Befragten bewerten die gemeinsame Bewerbung mit Berlin positiv, 36 Prozent negativ. Im Detail sagen 20 Prozent "sehr gut" und 27 Prozent "gut", während 19 Prozent "überhaupt nicht gut" und 17 Prozent "nicht gut" antworten; 17 Prozent positionieren sich neutral.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Geschlechter. Frauen stehen der Bewerbung mit 50 Prozent Zustimmung, 20 Prozent Neutralität und nur 30 Prozent Ablehnung deutlich wohlwollender gegenüber. Bei den Männern halten sich Zustimmung und Ablehnung mit 44 zu 42 Prozent nahezu die Waage, bei 14 Prozent Neutralen. Für die Geschlechtsangabe divers ist die Fallzahl mit n = 3 zu gering für eine verlässliche separate Auswertung.
Sportökonom Anton Behrens, der die Stimmung in Leipzig im Rahmen einer zweijährigen Studie alle sechs Monate erhoben hat, kann die teilweise positive Grundstimmung beim Leipziger Talk nachvollziehen: Die Zustimmung zu Sportgroßveranstaltungen sei im Vorfeld der Europameisterschaft spürbar gestiegen und habe sich seither auf hohem Niveau stabilisiert. Wer die eigene wirtschaftliche Lage positiv einschätze, unterstütze tendenziell auch die Bewerbung stärker. Sein Fazit fiel bewusst nüchtern aus: ein entschiedenes Ja, aber kein Selbstläufer – eine Zustimmung, die erarbeitet werden müsse und, wie die Zahlen zeigen, nicht überall gleich verteilt ist.
Dass Begeisterung allein nicht reicht, wurde auch bei der Debatte um die Finanzen deutlich. Ein kritischer Zuschauer verwies beim Talk auf die tatsächlichen Kosten der Pariser Spiele. 6,6 statt der geplanten 2,4 Milliarden Euro. Niromand widersprach mit einer Aufschlüsselung in drei Budgetkategorien: Durchführungs-, Infrastruktur- und Sicherheitsbudget. Für Berlin plus stünden im Durchführungsbudget rund 4,8 Milliarden Euro Ausgaben etwa 5,2 Milliarden Euro an überwiegend privaten Einnahmen gegenüber, aus Sponsoring, Ticketverkäufen und IOC-Zuschüssen.
Das Infrastrukturbudget falle mit rund 1,6 Milliarden Euro vergleichsweise gering aus, weil Berlin bereits über Verkehrsnetz, Unterkünfte und Sportstätten verfüge – deutlich weniger als die 3,6 Milliarden Euro, die allein für Pariser Olympia-Infrastruktur anfielen.
Als Gegenwert nannte er die geplante Sanierung von mehr als 80 Turnhallen und Schwimmbädern für den Breitensport. Dass eine gezielte Breitensportförderung in der aktuellen Leipziger Vorlage bislang nicht konkret verankert ist, kritisierten andere Stimmen aus dem Publikum, ein Punkt, den auch Christina März einräumte und auf ein noch zu beschließendes sportpolitisches Programm mit Planungshorizont bis 2040 verwies.
Konkreter wurde es beim Thema Wohnen: Das geplante Olympische Dorf soll, ähnlich wie in London und Paris, nach den Spielen größtenteils in bezahlbaren Wohnraum umgewandelt werden, orientiert an der städtischen Quote von rund 30 Prozent geförderten Wohnungen, ein Versprechen mit Symbolkraft in einer Stadt mit notorischem Wohnraummangel.
Dass es bei alldem nicht nur um Zahlen geht, machten die anwesenden Sportlerinnen und Sportler deutlich. Ruder-Olympiasiegerin Annekatrin Thiele, die bereits die gescheiterte Leipziger Bewerbung für 2012 miterlebt hatte, beschrieb, wie sehr Heimspiele Athletinnen und Athleten über sich hinauswachsen lassen, und schwärmte von der Regattastrecke in Brandenburg. Paralympics-Medaillengewinner Max Gelhaar sprach sich dafür aus, den zeitlichen Abstand zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen beizubehalten, damit die paralympische Bewegung nicht im Schatten der größeren Veranstaltung untergeht.
Beide forderten zudem eine bessere finanzielle und berufliche Absicherung für Leistungssportlerinnen und -sportler. RB-Leipzig-Ikone Dominik Kaiser signalisierte, dass der Verein seine Trainingsinfrastruktur auch anderen Sportarten öffnen könnte – ein kleines, aber konkretes Zeichen für die Verzahnung beider Städte.
Die O-Trend-Zahlen zeichnen das Bild einer Stadt, die mehrheitlich, aber nicht geschlossen hinter der Bewerbung steht, mit spürbaren Unterschieden zwischen den Geschlechtern und offenen Fragen zur Breitensportförderung. Der Talk in der LVZ-Gruppe zeigte schon zwei Wochen vor der Wahl, wie genau die Beteiligten die politische Lage in Berlin im Blick hattenund wie sehr sie hofften, dass sich diese Sorge nicht bewahrheiten würde. Nach dem Wahlsonntag ist genau das eingetreten. Am 26. September wird sich zeigen, ob die Kombination aus Leipziger Zuversicht und Berliner Unsicherheit für den DOSB noch reicht oder ob München und die Rhein-Ruhr-Region am Ende die stabilere Wahl sind.