So., 21.06.2026 , 20:00 Uhr

Wie Grundschüler für sichere Schulwege in Sachsen sorgen

Burgstädt/Plauen/Dresden - Wie gut oder schlecht ist der Schulweg aus Kindersicht? Das soll das Projekt «Wegecheck» beantworten. Warum die Kinderbrille in der Verkehrsplanung wichtig ist.

Für Amelie ist an diesem Morgen klar, was sich ihre Klasse zuerst anschauen soll. Die Schülerin ist mit der 3b der Goethegrundschule in Burgstädt (Kreis Mittelsachsen) unterwegs auf einer Mission, um ihren Schulweg zu überprüfen: Was ist gut? Was ist schlecht? Den für sie kürzesten Schulweg meide sie, sagt Amelie, da der Fußweg dort teils zugewachsen sei und teils überhaupt nicht vorhanden. 

Für die Neunjährige gibt es wenig später außerdem keine Möglichkeit, die stark befahrene Chemnitzer Straße auf direktem Weg zu überqueren. Zwar steht anderswo eine Fußgängerampel. Doch Umwege entsprechen der Kinderlogik nicht unbedingt. Und die Kinder haben an diesem Morgen das Zepter in der Hand. 

Knappe zweieinhalb Stunden ist die Klasse unterwegs, bleibt immer wieder stehen, macht Fotos und notiert Gutes und Schlechtes über die Fußwege im Umfeld der Schule. «Die Autos sollen woanders parken», kommentiert eines der Kinder ein Fahrzeug, das auf dem Gehweg parkt. Tempo 30 oder am besten gar keine Autos, sagt der kleine Nino an anderer Stelle. 

Fußgängerampeln oder zumindest einen Zebrastreifen fordern die Kinder an einer schlecht einsehbaren Querung zwischen Goethe- und Kantstraße, die auch bei Erwachsenen für Kritik gesorgt hat. Mehr Sauberkeit an der Bushaltestelle schlägt die elfjährige Meseret vor. 

Mobilitätsforscherin: Perspektive der Kinder berücksichtigen

Viele der Punkte sind für Carsten Leuschel nicht neu. Der Mitarbeiter der örtlichen Verkehrsbehörde der Stadt Burgstädt ist an diesem Morgen mit dabei. Er zeigt Verständnis für die Sicht der Kinder, signalisiert bei Forderungen nach neuen Gehwegen aber bereits, dass dafür wohl kaum Geld zur Verfügung stehen dürfte. Der Kleinstadt vor den Toren von Chemnitz geht es wie vielen Kommunen: Das Geld ist knapp, viele Ausgaben stehen auf dem Prüfstand. 

Doch auch wenn nicht alles möglich ist: Wichtig seien Projekte wie der «Wegecheck» dennoch, findet Mobilitätsforscherin Heike Marquardt. Am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt setzt sich die Forscherin bereits seit Jahren mit der Sicht auf den Straßenraum durch Kinderaugen auseinander. Häufig berücksichtige die städtische Verkehrsplanung vor allem das Thema Sicherheit - naturgemäß aus Erwachsenensicht. «Was wir aber sehen, ist, dass es an einer strategischen Berücksichtigung der Bedarfe von Kindern und Jugendlichen aus ihrer Perspektive fehlt», so die Forscherin.

«Wir können nicht den Streichelzoo in die Straße stellen»

Dabei sehen Kinder ihre Umwelt anders, hat Marquardt in ihrer eigenen Forschung festgestellt, etwa bei Befragungen von Kindern zu Gestaltungswünschen in einem Berliner Kiez beim Projekt «SensorKids». Die Kinder interessierten sich für Sicherheit, aber fänden eben auch andere Dinge wichtig, «wie zum Beispiel das Bespielen von Räumen» oder dass der Stadtraum auch Habitat für Tiere sein solle. 

Klar ist: «Wünsche von Kindern sind nicht immer einfach zu übersetzen in eine planerische Handlung oder in eine planerische Maßnahme», so die Forscherin. «Wir können jetzt nicht den Streichelzoo in die Straße stellen oder die Wasserrutsche.» Klar sei aber geworden, dass bespielbare Elemente im Straßenraum für Kinder wichtig seien, da es für sie beim Draußen sein um mehr als nur um Fortbewegung gehe.

Im Projekt «CoFoKids» sollen Kinder in Frankfurt am Main nun nicht nur einmalig, sondern über Jahre an der städtischen Verkehrsplanung beteiligt werden. Ziel soll ein Handlungsleitfaden sein, der Kinderwünsche in konkrete Maßnahmen übersetzen helfen soll.

Verkehrsplaner: «Manche Sachen sind ein Marathon» 

Das sächsische «Wegecheck»-Projekt wird vom «Wegebund» organisiert - einem Verein, zu dem sich mehrere sächsische fußgängerfreundliche Kommunen zusammengeschlossen haben. Finanziell gefördert wird es außerdem durch die Landesregierung. Neben Burgstädt haben in diesem Jahr auch Schüler in Zittau, Görlitz und Marienberg ihre Schulwege «gecheckt». 

Dass die Vorschläge Wirkung erzielen, zeigt das Beispiel Plauen: Dort hat der «Wegecheck» bereits 2024 stattgefunden und für konkrete Verbesserungen gesorgt, wie Hagen Brosig, Verkehrsplaner in der Stadtverwaltung, schildert. Zu hohe Hecken wurden gestutzt, parkende Autos im Kreuzungsbereich verstärkt kontrolliert. So etwas sei «banal» und hätte auch von Erwachsenen bemerkt werden können, dennoch habe die kindliche Perspektive auf das Problem «die Augen geöffnet». 

Zudem seien die Maßnahmen schnell umsetzbar gewesen: «Das sind Sachen, die kosten jetzt kein großes Geld.» Eine fehlende Mittelinsel zur Straßenüberquerung konnte dank eines ohnehin geplanten Umbaus der Straße mit realisiert werden. Schwieriger sei der Wunsch nach Tempo 30 auf einer schwer zu querenden Straße, da dies mit engen rechtlichen Vorgaben kollidiere. «Viele Sachen sind ein Ausdauerlauf, manche ein Marathon», so Brosig. So könne es gut sein, dass manche Kinderwünsche erst viele Jahre später umgesetzt würden.

Auch ein Problem: Elterntaxis

In Burgstädt werden die Kinder die Ergebnisse ihrer Begehung der Stadtverwaltung in einigen Wochen noch einmal vorstellen und auf konkrete Verbesserungen hoffen. Ein weiterer Vorschlag: Eine Straße unmittelbar vor dem Grundschulgebäude soll einen richtigen Fußweg mit Bordstein bekommen. Bisher gibt es dort nur einen markierten Fußgängerstreifen. Der sei oft zugeparkt, berichten sie. 

Allerdings: Parken würden dort vor allem die Elterntaxis, sagt Lehrer Thomas Brumme. Die überwiegende Mehrheit der Kinder der Klasse hat an diesem Morgen erzählt, mit dem Auto zur Schule gebracht zu werden. (dpa)