Do., 28.05.2026 , 10:08 Uhr

Neue Außenstelle soll Holocaust-Bildung in Sachsen stärken

Yad Vashem kommt nach Leipzig

Yad Vashem plant eine Außenstelle in Leipzig. Das Ariowitsch-Haus soll Teil des neuen Bildungszentrums in Deutschland werden.

Leipzig - Die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem wird ihre erste Außenstelle außerhalb Israels in Deutschland errichten. Hauptstandort des neuen Bildungszentrums soll München werden. Zusätzlich ist in Leipzig eine Außenstelle geplant. Nach den vorliegenden Angaben soll die kleinere Einrichtung interaktive Lernräume bereitstellen und sich mit ihren Angeboten insbesondere an Pädagoginnen und Pädagogen sowie junge Menschen in Sachsen, der Region und den Nachbarländern richten.

Der sächsische Standort soll im Ariowitsch-Haus in Leipzig entstehen. Das Kultur- und Begegnungszentrum gilt seit Jahren als wichtiger Ort jüdischen Lebens, der Bildung, der Kultur und der Begegnung in der Stadt. Mit der Entscheidung erhält Sachsen eine Rolle im künftigen Yad Vashem Educational Center in Deutschland.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bezeichnete die Beteiligung Sachsens an dem neuen Holocaust-Bildungszentrum als große Ehre und zugleich als Verpflichtung. Dass Leipzig künftig eine wichtige Rolle übernehmen werde, habe nach seinen Worten auch mit dem Vertrauen in die Akteure vor Ort zu tun. Kretschmer verwies dabei auf die wieder stark gewachsene jüdische Gemeinde, ein lebendiges Netzwerk sowie renommierte Institutionen wie das Ariowitsch-Haus. Leipzig könne zudem eine Brücke nach Osteuropa sein, insbesondere bei der Zusammenarbeit mit Polen und Tschechien in der Bildungs- und Erinnerungsarbeit.

Kultusminister Conrad Clemens sprach von einer großen Anerkennung und Verantwortung für Sachsen und Leipzig. Das Ariowitsch-Haus sei ein Ort, an dem jüdische Geschichte unmittelbar erfahrbar werde. Die Bildungsarbeit des Yad Vashem Educational Center und des Ariowitsch-Hauses könnten sich nach Einschätzung des Ministers wechselseitig ergänzen und stärken. Sachsen werde die Arbeit des Bildungszentrums gemeinsam mit dem Freistaat Bayern unterstützen.

Auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung wertete die Entscheidung als Anerkennung und Auftrag. Die Stadt habe in ihrer Bewerbung mit der Geschichte jüdischen Lebens in Ostdeutschland, der lebendigen Erinnerungskultur und einem starken Netzwerk zivilgesellschaftlicher Akteure wichtige Akzente gesetzt. Nun gehe es darum, gemeinsam mit Yad Vashem den Aufbau und die inhaltliche Ausrichtung des Educational Center zu gestalten.

Küf Kaufmann, Direktor des Ariowitsch-Hauses, bezeichnete die Ernennung des Hauses zum Partner des geplanten Yad-Vashem-Bildungszentrums in München als Zeichen tiefen Vertrauens. Für die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig sei dies eine Anerkennung der langjährigen Arbeit zur Bewahrung der Erinnerung, der historischen Verantwortung und der jüdischen Kultur. Gerade in der aktuellen Zeit habe die Partnerschaft besondere Bedeutung.

Das geplante Bildungszentrum in Deutschland soll der jüdischen Erfahrung während des Holocaust eine Stimme geben. Geschichte soll dabei anhand persönlicher Geschichten vor, während und nach der Verfolgung vermittelt werden. Durch Bildungsangebote und offenen Dialog soll das Zentrum die Gedenkkultur in Deutschland stärken, das Bewusstsein für Holocaust Education, Erinnerung und zeitgenössischen Antisemitismus schärfen sowie das Engagement für Menschenwürde und moralische Verantwortung fördern.

Zudem soll das Zentrum als Drehscheibe für die Fortbildung von Pädagoginnen und Pädagogen dienen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bildung junger Menschen. Darüber hinaus ist eine Plattform für den Dialog über das Gedenken mit verschiedenen Partnern und Institutionen vorgesehen.

Die Idee für ein Zentrum zur Holocaust-Bildung in Deutschland wurde den Angaben zufolge erstmals 2023 bei einem Treffen zwischen dem Vorsitzenden von Yad Vashem, Dani Dayan, und dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz vorgebracht. Seitdem wurde das Vorhaben von Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesbildungsministerin Karin Prien sowie von Führungskräften auf Bundes- und Landesebene unterstützt.

Im September 2025 hatte Yad Vashem angekündigt, eine Außenstelle in Deutschland errichten zu wollen. Auf Grundlage einer Machbarkeitsstudie wurden Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen als potenzielle Standorte ausgewählt. Unter Federführung des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus wurde daraufhin ein Bewerbungsdossier erstellt. Darin wurde unter anderem dargestellt, welchen Beitrag Yad Vashem für das bestehende Netzwerk der politisch-historischen Bildung in Sachsen leisten kann und welches Potenzial sich aus einer Zusammenarbeit mit Partnern in Polen und Tschechien ergibt.

Im Zuge des Auswahlprozesses fanden Delegationsreisen von Yad Vashem nach Sachsen statt. Im Dezember 2025 und April 2026 gab es mehrere Arbeitsgespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Landes- und Kommunalpolitik, der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, des Sächsischen Landesamtes für Schule und Bildung, der Wissenschaft sowie mit jüdischen und nichtjüdischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und Netzwerkpartnern aus Sachsen, Polen und Tschechien.

Die Sächsische Staatsregierung hatte im Namen von Ministerpräsident Michael Kretschmer ihre Unterstützung für das Vorhaben zugesagt. Auch das Kabinett befasste sich in Sitzungen am 2. Dezember 2025 und am 21. April 2026 mit dem Bewerbungsverfahren. Im Sächsischen Landtag sprachen sich am 4. Februar 2026 alle Fraktionen für die Bewerbung Sachsens aus.

Bereits bei der Vorauswahl Sachsens spielte die Arbeit des Ariowitsch-Hauses in Leipzig eine besondere Rolle. Mit dem Fokus auf Erinnerungskultur soll Yad Vashem die bisherige Arbeit des Hauses ergänzen, die sich insbesondere dem jüdischen Leben heute und der Prävention von Antisemitismus widmet.

In den nächsten Schritten sollen gemeinsam mit Yad Vashem weitere Fragen geklärt werden. Dazu zählen finanzielle und personelle Aspekte, bauliche Maßnahmen sowie die inhaltliche Abstimmung mit dem Hauptstandort in München.