Zwei Monate nach der tödlichen Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt spricht Oberbürgermeister Burkhard Jung über die Folgen der Tat, mögliche Konsequenzen für die Sicherheit im Stadtzentrum und einen dauerhaften Ort des Gedenkens. Wie die Leipziger Volkszeitung (LVZ) berichtet, fordert der SPD-Politiker zugleich eine gesellschaftliche Debatte über destruktive Männlichkeitsbilder und deren mögliche Folgen.
Bei der Tat am 4. Mai waren in der Leipziger Innenstadt zwei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Für Jung hat das Geschehen Spuren in der Stadt hinterlassen, die über die unmittelbaren Folgen hinausgehen. Deshalb hält er einen dauerhaften Ort des Erinnerns für notwendig.
Laut LVZ werde im Kulturdezernat bereits über mögliche Formen eines solchen Gedenkorts nachgedacht. Denkbar seien etwa eine in den Boden eingelassene Gedenkplatte oder eine kleine Stele. Nach Ansicht des Oberbürgermeisters sollte ein solcher Ort jedoch nicht nur an die Opfer erinnern, sondern auch Raum für die Auseinandersetzung mit den Hintergründen der Tat schaffen.
Jung ordnet die Amokfahrt nicht als politisch oder religiös motivierte Tat ein. Im Gespräch mit der LVZ sagte er, dass vielmehr darüber gesprochen werden müsse, welche Rolle enttäuschte und aggressive Männlichkeitsbilder spielen können. Er bezeichnete das Verhalten als ein enttäuschtes männliches Verhalten, das sich in Mordlust geäußert habe, und sprach von „Macho-Gehabe“.
Eine offene gesellschaftliche Diskussion über Vorstellungen von Männlichkeit hält Jung deshalb für wichtig. Dabei geht es nach seiner Auffassung auch um die Frage, wie Kränkung, Aggression und ein zerstörerisches Verständnis von Stärke in extreme Gewalt umschlagen können.
Der Oberbürgermeister erinnert sich auch an die ersten Stunden nach der Tat. Nach Angaben der LVZ wurde Jung während einer Sitzung über die Ereignisse informiert. Anschließend fuhr er in das Lagezentrum der Hauptfeuerwache und von dort weiter zum Augustusplatz.
Zu diesem Zeitpunkt sei die Lage zunächst unübersichtlich gewesen. Neben der Sorge um mögliche Tote und Verletzte habe sich die Frage gestellt, ob es sich um einen Terroranschlag handeln könnte und ob weitere Täter beteiligt seien. In der Innenstadt habe trotz zahlreicher Einsatzfahrzeuge eine bedrückende und ungewöhnliche Ruhe geherrscht.
Jung verteidigte gegenüber der LVZ auch, dass er bereits früh öffentlich von einer Amokfahrt gesprochen hatte. Die Tat sei aus seiner Sicht klar als mörderischer Angriff eines einzelnen Täters ohne politischen Hintergrund einzuordnen gewesen. Mit einer schnellen Benennung habe die Stadt auch Spekulationen und zusätzliche Verunsicherung verhindern wollen.
Schon kurz nach der Tat begann in Leipzig die Diskussion darüber, wie ein Fahrzeug überhaupt in die Grimmaische Straße gelangen konnte. Wie die LVZ berichtet, befassten sich Ordnungs- und Baudezernat bereits kurz darauf mit möglichen Konsequenzen.
Versenkbare Poller an den Zugängen zur Innenstadt seien bereits vor Jahren diskutiert worden. Damals habe jedoch vor allem die Verkehrssteuerung im Mittelpunkt gestanden. Sicherheitsrisiken durch gezielte Fahrzeugattacken hätten in den damaligen Überlegungen kaum eine Rolle gespielt. Zudem habe es Bedenken wegen technischer Störungen und möglicher Behinderungen des Lieferverkehrs gegeben.
Nach der Amokfahrt reagierte die Stadt mit mobilen, massiven Sperrelementen. Diese sollten vor allem das Risiko einer möglichen Nachahmungstat reduzieren und zeigen, dass die Stadt handlungsfähig ist.
Jung warnt jedoch vor der Vorstellung, eine Innenstadt könne vollständig gegen solche Angriffe abgeschirmt werden. Auch ein dichtes Netz aus Pollern garantiere keinen vollständigen Schutz. Dafür gebe es zu viele Möglichkeiten, in die Innenstadt zu gelangen.
Für den Oberbürgermeister geht es deshalb um einen Ausgleich zwischen Sicherheit und Offenheit. Innenstädte seien Orte der Begegnung, des Austauschs und der gesellschaftlichen Vielfalt. Eine vollständige Abschottung widerspreche diesem Gedanken. Zugleich müsse das Sicherheitsbedürfnis der Menschen ernst genommen werden.
Bis zum Herbst soll nach LVZ-Angaben ein umfassenderes Sicherheitskonzept für die Leipziger Innenstadt entstehen. Diskutiert werden unter anderem Sitzgelegenheiten, die gleichzeitig als Schutzbarrieren dienen könnten, sowie natürliche Hindernisse.
Jung spricht sich dabei eher für Bäume als für große Pflanzenkübel aus. Solche Kübel verursachten aus seiner Sicht nicht nur zusätzlichen Pflegeaufwand, sondern könnten bei einem Aufprall selbst zu einer Gefahr werden.
Besonders in Erinnerung geblieben ist Jung auch der Besuch bei einem jungen Venezolaner, der bei der Amokfahrt schwer verletzt wurde. Der Oberbürgermeister traf ihn wenige Tage nach der Tat im Krankenhaus.
Wie Jung im Gespräch mit der LVZ schilderte, berichtete der Verletzte von dem Moment des Angriffs und davon, dass seine Freundin gesehen habe, wie er durch die Luft geschleudert wurde. Trotz seiner schweren Verletzungen habe ihn damals auch eine ganz alltägliche Sorge beschäftigt: die Angst, wegen seiner Genesung die Arbeit zu verlieren.
Jung habe ihm daraufhin zugesichert, sich um Unterstützung zu bemühen.
Zwei Monate nach der Tat steht Leipzig damit nicht nur vor der Frage, wie die Innenstadt sicherer werden kann. Ebenso geht es darum, wie die Stadt an die Opfer erinnert und welche gesellschaftlichen Lehren aus der Gewalt gezogen werden können.
Für Jung gehört dazu ausdrücklich auch die Debatte darüber, wann Kränkung, Besitzdenken und aggressive Vorstellungen von Männlichkeit in Gewalt umschlagen können. Der geplante Gedenkort könnte deshalb nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch ein Ausgangspunkt für eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung sein.